Diagonale
Festival des österreichischen Films
19.–24. März 2019, Graz

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Wenn es blendet, öffne die Augen
Dokumentarfilm, AT 2014, Farbe, 75 min., OmdU
Diagonale 2014

Regie, Buch: Ivette Löcker
Darsteller/innen: Alexey Pirumov, Schanna Karaseva, Maria Tschirkova
Kamera: Frank Amann
Schnitt: Michael Palm
Originalton: Alexey Antonov
Musik: PTVP (Last Tanks in Paris)
Sounddesign: Gailute Miksyte
Weitere Credits: Produktionsleiter Sankt Petersburg: Vladimir Haunin
Produzent/innen: Ralph Wieser
Produktion: Mischief Films

 

Schanna und Ljoscha sind Überlebende. In den turbulenten Umbruchsjahren Russlands sind sie heroinabhängig geworden und heute ein Paar von Mitte 30. Sie wissen, dass ihre Zeit abläuft, und setzen dieser Tatsache ihre zerbrechliche Lebensfreude und ihren Galgenhumor entgegen. Der Film rückt diese Momente in den Mittelpunkt und wird zu einem intimen Porträt einer fragilen und höchst ambivalenten Liebesbeziehung. (Produktionsmitteilung)

www.mischief-films.com

Filmgespräch mit: Ivette Löcker und Michael Palm (am 19.3.)

Katalogtext Diagonale 2014:
Tu, was du willst, war das Credo der russischen Jugend nach dem Zerfall der Sowjetunion. Mit der neuen Freiheit kam
 das Heroin ins Land, das zum Motor eines fatalen Lebensstils avancierte und für viele in einem frühen Tod endete. Mit seinen 37 Jahren zählt Ljoscha somit zu den Veteranen der Post-Perestroika-Generation. Heute lebt er mit seiner rüstigen Mutter und seiner drogensüchtigen Freundin Schanna auf engstem Raum in Sankt Petersburg.

Dort wecken alte Fotos Erinnerungen an eine hoffnungsvollere Zeit, eine Zeit vor der Sucht. Doch auch im Heute ergeben sich Schanna und Ljoscha nicht einfach ihrem Schicksal. Ihre Zeit ist begrenzt, doch die Lebensfreude noch lange nicht gebrochen. Es sind die kleinen Gesten, die zwischen den Abhängigkeiten das Gefühl von Liebe und gegenseitiger Vertrautheit vermitteln: ein Lächeln beim Eierpecken, ein neckischer Scherz über Sucht, Verfall und Vergänglichkeit.

Ohne moralischen Aufklärungsgestus und ohne ihre Protagonist/innen emotional bloßzustellen entwirrt Ivette Löcker das fragile Beziehungsgefüge eines ungewöhnlichen Paares. In dieser Ambition ist Wenn es blendet, öffne die Augen sowohl Liebesfilm als auch Porträt einer sich selbst überlassenen Umbruchsgeneration, die angesichts plötzlicher verheißungsvoller Freiheit jegliche Perspektive verloren hat. „Du wirst mal nicht mehr sein“, analysiert Ljoscha. „Ich werde immer sein“, kontert Schanna – und lacht. (red)

Ich wollte einen Film über Menschen machen, auf die unser Blick für gewöhnlich nicht fällt, weil wir nicht gerne das ansehen, was uns Angst macht. Mit Drogensüchtigen verbinden wir meist nur bedrohlichen Kontrollverlust, Elend und Verwahrlosung. Mir war es wichtig, einen Gegenpol zu schaffen, indem ich ein Junkie-Paar zeige, das unseren gängigen Vorstellungen widerspricht (...) Meine Intention war es, eine intime Nähe zu den Porträtierten über die Form des filmischen Kammerspiels herzustellen, das unseren Blick für die Zwischentöne und Ambivalenzen schärft. Wir kommen den Menschen über Blicke und Gesten nahe. Die Punkrock-Songs, die uns aus der räumlichen Enge des Alltagskosmos hinausführen, sind wie ein Echo aus ihrer Vergangenheit, das den Traum von berauschten, unbeschwerten Glücksmomenten und von Ausflügen in eine andere Realität vergegenwärtigt. (Ivette Löcker)