Diagonale
Festival des österreichischen Films
13.–18. März 2018, Graz

Die Gesprächsrunden fanden im Rahmen des Austria Film Meetings der Diagonale’16 statt.
9. und 10. März 2016
im designforum Steiermark
Andreas-Hofer-Platz 17
8010 Graz

Film Meeting Ergebnisse – VERWERTEN

Thinking for a Change

 
Das Spiel ist einfach, und es ist kein Spiel: vier runde Tische in Klausur. Branchenvertreter/innen aus den Bereichen AUSBILDEN, FÖRDERN, VERWERTEN und BESCHREIBEN versammeln sich als Strateg/innen in einem moderierten Setting. Die Aufgabenstellung: das kollektive und solidarische Erdenken einer konkreten Initiative im Dienste von (E)Quality & Diversity für den jeweiligen Bereich.
 

Tisch 2: Verwerten

Salma Abdalla , Susanne Auzinger, Anne Laurent-Delage, Michael Stejskal, Michael Stütz
Moderation: Nanna Heidenreich

Vier österreichische Verwerter/innen (Austrian Film Commission, Autlook Filmsales, Susanne Auzinger PR, Filmladen/Luna Filmverleih/Votiv Kino) und zwei in Deutschland tätige Festivalarbeiter/innen debattieren über Diversity-Strategien in ihrem Berufsfeld.

Welcher Initiativen bedarf es? WIE und WAS kann/muss man im Bereich FILMVERWERTUNG (Vertrieb, Verleih, Fernsehen, Festivals) verändern, verbessern, umstrukturieren, um einer gesellschaftlichen Realität näher zu kommen und um zu ermöglichen, dass alle zu gleichen Teilen an der wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen und politischen Herausforderungen Teil haben?

Verschiedene Ziele: Geld vs. Aufmerksamkeit (Sichtbarkeit)

Struktur vs. Inhalt
Über die Struktur zugreifen, nicht über die Festlegung von Inhalten
Strukturkonservatismus aufbrechen
Gender und Struktur ist noch einfach – wie schaut es mit anderen Kategorien aus? („Postmigrantisch“?) Klasse? Disability? Sexualität? Gender jenseits von Zweigeschlechtlichkeit?

Strategien/Werkzeuge
Kriterienkataloge (z. B. von Festivals und ihrer Auswahlpolitik) diskutieren.
Das Festival von Cannes etwa gibt vor, Geschlecht sei keine Kategorie beim Auswahlprozess, während andere Kriterien (geografische Herkunft oder )geopolitische Dringlichkeiten durchaus adressiert werden. Es ginge nicht um eine Fest- bzw. Offenlegung von Kriterien, sondern ein Zur-Debatte-Stellen, stetes Verhandeln und Hinterfragen von Kriterien (etwa als Ergänzung zum sog. Mission Statement der Festivals). Damit einher müsste die Frage nach dem Wesen von „Qualität“ gehen.
Potentielle Kriterien: Qualität, Gender & Diversity, Geopolitik, sog. „informelle“ Kriterien

Quoten: Quoten als Incentive, als strukturverändernde Maßnahme, ohne die sich auch Inhalte nicht verändern werden.

Zertifizierung/Zertifikate: vergleichbar zum Bechdel-Test und dem A-Rating. Wie sähe ein „B-Rating“ aus, das z. B. Herkunft, Rassisierung, und besonders auch das Casting bewertet?

Wichtig: Der Markt reguliert nicht. Nicht, was Strukturen und Inhalte angeht.
Nischen müssen geschaffen werden – als Verpflichtung in der Förderung von Verwertung – um Themen zu setzen, zu lancieren, Veränderungen auszulösen (beispielsweise 1 x pro Monat ein spezielles Kinoprogramm). Im Sinne von Filmbildung, Filmerziehung und -vermittlung (Anschluss an Beschreiben – wenn Aufmerksamkeit ein wichtiger Faktor in der Auswertung ist, dann sind Rezeption und Filmkritik ganz wesentlich.)

Marktlogik bzw. die Zwänge des Markts betreffen vor allem die Auswertung.

Wie ist Verwertung unter wirtschaftspolitischen oder kulturpolitischen Gesichtspunkten zu diskutieren?
Wichtig wären Fördersysteme, die die Marktlogik der Quantität (der Priorität des Outputs – strukturelle Förderung wird derzeit über den Umweg der Menge realisiert) unterbricht, die mehr Entwicklung fördert (von Stoffen, Drehbüchern) und auch zulässt, das Nein gesagt werden kann und auch Abbruch von Projekten erlaubt. Prozessorientierter. Strukturförderung statt Menge.

Problem der österreichischen Verleihförderung: produzent/innenfreundlich, nicht verleihfreundlich

Welche Filme verwertet werden, ist auch eine Frage der Verfügbarkeit. Was wird wie verfügbar gemacht, was fällt heraus? (Kinoauswertung – oder andere Wege?)

Insgesamt: gesellschaftspolitische Kriterien entwickeln. Dabei können Maßnahmen auch Interimscharakter (Katalysatoren) haben, wie das Beispiel Schweden und der „Fresh Content“ (aka Filme von Frauen).

Frage nach dem Publikum
– Vorstellungen vom Publikum als Spiegel eigener Maßstäbe, welches Publikum?
– sogenannte Zielgruppen vs. Mainstream (AUTlooks Erfahrung jährlicher Analysen: Filme, die aus der Perspektive weißer Männer erzählt werden, schneiden weiterhin am besten ab). Zielgruppenmarketing: Frauen als Publikum adressieren, oder eher via A-Rating u. ä.?
– dem Publikum etwas zutrauen! Kein Paternalismus.
– Frage: Woher kommt die Akzeptanz für „hausgemachte“ Filme in manchen Ländern (u. a. Starsystem, und eine Mischung aus „gut erzählt“ und herausfordernd) – Anschluss an Fragen des Beschreibens

Was ist ein „österreichischer Film“?
– (minoritär) gefördert mit österreichischem Geld
– Herkunft der Regisseurin/des Regisseurs bzw. die Staatsangehörigkeit
– Inhalt bzw. Sprache
Welches dieser Kriterien ist entscheidend? Wieviel „Diversity“ steckt darin? Immer wieder gibt es Ausnahmefälle und Hilfskonstruktionen (ein Film wird „deutsch“, um gezeigt werden zu können, weil der Künstler, der den Film realisiert hat in Österreich arbeitet, aber deutscher Staatsbürger ist; Haneke wird als Österreicher gezählt, trotz französischer Förderung usw.) Sind das zu vernachlässigende Ausnahmen, oder zeigen sie nicht auch zunehmend auf ein transnationales Kino? – „What do we know when we know where something is?“, wie der Filmwissenschaftler Vinzenz Hediger formuliert hat. Geht es eher um Autor/innenkino vs. Blockbuster als um „nationale“ Fragen?

Es ist bezeichnend, dass unsere Gruppe vornehmlich über Festivals diskutiert. Das spricht schon dafür, dass das, worüber wir reden, jenseits des Marktes liegt, oder anders gesagt, nicht unter wirtschaftlichen Aspekten zu verhandeln ist, sondern wenn, dann unter Aspekten anderer Ökonomien: kultureller Aufmerksamkeit und Medienökonomien der Zirkulation, die nicht nur in dem aufgehen, was als Verleih oder Vertrieb traditionell gefasst wird. Die Opposition von kulturellem vs. pekuniärem Kapital wird insofern deutlich, als innerhalb der Branche vorzugsweise über Finanzen und Förderungssysteme diskutiert wird – wie im Zuge des Panels „Producing Diversity“ kritisch angemerkt wurde: Crowd Funding statt Diversity. Wofür ist das ein Symptom?

Konkrete Ansätze
– Strukturen statt Inhalt
– Anstelle von Festschreibungen: Plädoyer für eine Ökonomie der Verhandlung
– Verzicht auf Kriterien, die nichts mit dem Film zu tun haben (welches Land, welcher Weltvertrieb etc.), zugunsten von Diversity und Gender.
– Jurygestaltung (Frauen nicht nur als Schauspielerinnen)
– Auswahlgremien!
– Audience Design – Distribution online: But how to be found?
 
 

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