Diagonale
Festival des österreichischen Films
13.–18. März 2018, Graz

Diagonale Webnotiz 3/2015

von Andrina Mračnikar

 

Ma Folie, der erste Kinospielfilm der Regisseurin und Drehbuchautorin Andrina Mračnikar ist im Programm der Diagonale 2015 zu sehen. www.mafolie-film.com

Die Skepsis gegenüber Bildern und Erzählungen

Mit Ma Folie feiert mein erster Langspielfilm seine Österreich-Premiere bei der Diagonale. Vor zwölf Jahren war ich mit Andri 1924 – 1944 zum ersten Mal mit einem Film hier vertreten.
Andri 1924 – 1944 erzählt von einem Menschen und einer Geschichte, zu der es kaum sogenannte sichere Daten gibt. Da war die (subjektive) Erinnerung meiner Oma, da waren Protokolle der Verhöre mit den Mördern, die alle keine Mörder sein wollten und einander komplett widersprachen, so dass zum Zeitpunkt von Andris Erschießung angeblich keiner von ihnen anwesend war, und da waren drei Fotos von Andri, der Rest waren Leerstellen.

Es geht also schon in Andri 1924 – 1944 um das Erinnern, um das Auffüllen der Leerstellen, um das Erzählen selbst.

Zu dieser Zeit und während dieser Arbeit griff meine Skepsis gegenüber vermeintlicher Objektivität und einfachen Wahrheiten auf alles über und löste bei mir Zweifel aus, ob und wie man überhaupt fiktional erzählen kann, beziehungsweise, ob ich das könnte, ob ich das will.
Die Konstruktion einer Geschichte und die Behauptung ihrer Wahrhaftigkeit, schienen mir unmöglich. Nicht, weil mir keine Geschichten eingefallen wären, sondern weil ich nicht wusste, wie ich im Spielfilm den Film (als Medium) und seine Konstruktion selbst reflektieren könnte.

Im Dokumentarfilm und im Schreiben schien es mir einfacher und durchaus nicht kompliziert, auf die „Gemachtheit“ des Werks hinzuweisen (selbstreferenziell zu sein; auf die Subjektivität des Erzählten hinzuweisen …). Man hat diverse Mittel zur Verfügung, ob man nun die Drehsituation selbst zeigt oder thematisiert, sich für einen subjektiven Off-Text entscheidet oder den Konjunktiv im Schreiben wählt …

Im Spielfilm Ähnliches zu schaffen, ohne dabei langweilig und sich-um-sich-selbst-drehend zu sein, war eine große Herausforderung für mich.
Jetzt denke ich, dass mir und uns das mit Ma Folie gelungen ist. Ma Folie beginnt als Liebesgeschichte und entwickelt sich zum Psychothriller. Vordergründing geht es um Liebe, Eifersucht, Vertrauen und Misstrauen. Bis hin zum Misstrauen in die eigene Wahrnehmung.

Ma Folie verweist aber auch auf den Entstehungsprozess von Bildern und auf deren Manipulationspotential. Man kann zum Beispiel sehen, wie sich die Bedeutung ein und derselben Szene ändert, wenn sie in einen anderen Kontext gestellt wird.
Ich wollte, dass die Zweifel, die immer mehr um sich greifen und bei Hanna, der Protagonistin, schließlich überhandnehmen, auch bei den Zuseher/innen entstehen. Dass man sich nicht immer ganz sicher ist, ob man richtig gehört und gesehen hat.

In einigen Kritiken habe ich gelesen, dass es bei Ma Folie um Sein und Schein geht – das gefällt mir. Darum geht es ja schließlich ständig in unserem Leben. Hochpotenziert wird das durch Facebook, Selfies und Ähnliches. Darstellung, permanente Selbstdarstellung und schließlich auch Überwachung und der Kontrollverlust über die eigenen Bilder und Daten. Überall Kameras, in der U-Bahn, auf öffentlichen Plätzen, in der eigenen Wohnung auf dem Computerbildschirm, immer mit dabei am eigenen Smartphone …

Ich finde das beängstigend. Dass das alles in einer Liebesgeschichte gespiegelt werden kann, wirkt vielleicht nicht so naheliegend, ist es aber dann doch. Schon die sogenannte Liebe auf den ersten Blick kann ja nur über Projektion funktionieren, meine zumindest ich, und in der Zeit der ersten Verliebtheit mag man sehr offen sein, gleichzeitig versucht man doch, sich im besten Licht darzustellen. Und Eifersucht hat ja auch etwas mit Interpretation, Fantasie und Bildern im Kopf zu tun. Und kann auch in Überwachung ausufern.

Aber vielleicht ist die Frage auch, wieso man mehr- und nicht eindeutig erzählen will, woher die Skepsis gegenüber den allwissenden, angeblich objektiven Erzählungen kommt. Wieso will man Filme machen, die am Ende nicht auf eine eindeutige Wahrheit und Auflösung hinauslaufen? Weil man keine Propagandafilme machen will, weil man zum Denken anregen will, weil die Sprachskepsis auch eine Bildskepsis nach sich zieht?

Ich mag es nicht sehr gern, wenn man sagt „zum Denken anregen“, es wirkt, als müsste man andere erziehen und würde selbst ständig unglaublich viel Wichtiges denken, aber es stimmt schon, dass man zumindest will, dass sich die Leute selber „ein Bild machen“ sollen und dürfen. Deswegen gibt es in Ma Folie auch für mich am Ende zwei Möglichkeiten, die beide nebeneinander stehen und in sich schlüssig und absolut logisch sind. Um diese zwei Möglichkeiten herum, können noch einige andere Wahrheiten konstruiert und jeweils eigene Interpretationen entworfen werden.
Und das soll auch so sein, dass der Film dann noch lange nachwirkt.

Die Diagonale-Webnotizen wurden von 2010 bis 2015 von der BAWAG P.S.K. unterstützt.

Der Standard ist Medienpartner der Diagonale-Webnotizen.