Diagonale
Festival des österreichischen Films
28. März–2. April 2017, Graz

Diagonale Webnotiz 9/2015

von Helmut Knaus

 

Geboren in Kapfenberg, Studium der Malerei bei Max Weiler an der Akademie der Bildenden Künste in Wien von 1968 bis 1973, im Brotberuf als Kunsterzieher an zwei Gymnasien in Wien tätig. Ausstellungstätigkeit seit 1979. Lebt in Wien.

http://www.helmutknaus.at

Sehnsuchtsort Kino

Kino, Kino, Kino … dieser Gedanke beflügelte mich seit meiner frühen Kindheit in den Sechzigerjahren.

In der Provinz aufzuwachsen, bedeutete damals noch viel mehr als heute ein Abgeschirmt-Sein und ein Gefühl des Ausgeschlossen-Seins vom interessanten, pulsierenden Leben jenseits der doch etwas engen Welt, in der man lebte.

Aber es gab für mich zwei Brücken zum Leben und Denken außerhalb dieser kulturfernen Zone: Da war einerseits die moderne Literatur in Form von kostengünstigen Taschenbüchern und andererseits das Kino.
Wenn auch das Lesen eine uneingeschränkte Fülle an eigener Imagination zulässt, so war doch die vom Film gebotene Bilderfülle für mich überwältigend. Wir hatten in den frühen Sechzigerjahren zuhause noch keinen Fernseher. Das bedeutete, dass es einen Film nur im Kino zu sehen gab und sonst nirgends. Somit war das Kino für mich ein ganz entscheidender Zugang zur Kultur.

„Ins Kino gehen“ hieß, in fremde Welten einzutauchen, in eine ungeahnte Buntheit; es hieß, mitgerissen zu werden von Gefühlsstürmen, von Tragik, von Ängsten, von Abenteuer und Gefahr.

Mithilfe meines Fahrrads gelang es mir, an so manchen Wochenenden drei verschiedene Filme an einem Tag zu „ergattern“. Ich musste bloß die Beginnzeiten zwischen den drei Kinos, die es in meinem Heimatort immerhin gab, geschickt koordinieren. Vom Rio ins Stadtkino – das ging sich gut aus. Vom Stadtkino ins Nord – das wurde sehr knapp und verlangte gute Radlerkondition. Aber schwitzend hin und her zu flitzen, das machte mir nichts aus. Konnte ich dafür doch wieder an aufregenden Geschichten teilhaben, sobald der Vorhang aufging.

Die Inhalte der Filme, die ich damals als Vierzehn-/Fünfzehn-/Sechszehnjähriger verschlang, waren sehr gemischt. Anhand der Kinoprogramme, die ich natürlich akribisch sammelte, kann ich meiner Erinnerung nachhelfen und viele Titel, die mir beim Durchblättern unterkommen, lassen mich rückblickend schaudern. Fasziniert vom Medium Film an sich konsumierte ich ziemlich kritiklos alles, was in unseren Provinzkinos gezeigt wurde.

Von Schlagerfilmen, Wallace-Krimis bis Karl-May-Verfilmungen war alles dabei. Glücklicherweise gab es hin und wieder auch Filme von Bergman, Fellini, Melville, Hitchcock und anderen. Ich kann kaum glauben, dass ich damals auch so gute Produktionen zu sehen bekam. Aber ich muss zugeben, dass ich als Jugendlicher auch von den qualitativ sehr fragwürdigen Beispielen durchaus angetan war.

„Ins Kino gehen“ bot für mich aber nicht nur einen filmischen Reiz. Das Kino als Ort aufzusuchen, war schon etwas Verlockendes. Und das ist es auch heute noch immer: Du betrittst das Foyer, du triffst Bekannte, du stehst an der Kassa und wartest auf die Karte, du gehst zum Buffet und kaufst dir vielleicht Rumkugeln oder Sportgummi, du wartest auf das Signal zum Einlass, du betrittst den Kinosaal und nimmst einen ganz bestimmten Geruch wahr, du setzt dich, die Musik setzt ein, es wird langsam finster und der Film beginnt.

Mit dem Erwachsenwerden wurde mein Blick auf das Kino langsam differenzierter. Ich ging zum Studium nach Wien an die Akademie der bildenden Künste und kam in die Meisterklasse für Malerei bei Max Weiler. Eine neue Welt tat sich auf! Aber das Kino wurde von den vielen neuen Eindrücken keineswegs verdrängt. Nein, mein filmisches Erleben wurde durch die Möglichkeiten, die Wien bot, qualitativ verändert. Plötzlich gab es für mich mehr als hundert Kinos. Es gab Premierenkinos, Programmkinos, Nonstop-Kinos, Bezirkskinos und das bedeutete auch relativ klare Qualitätskategorien. Man konnte sich punktuell schon am Vormittag Filme anschauen. So wurde das Konsumieren mehrerer Filme an einem Tag völlig leicht und unproblematisch. Ich war in meinem Element und genoss die Inspiration, die das Medium Film bietet.

Nach und nach veränderte sich diese intensive Kinozeit. Das Fernsehen nagelte die Leute daheim fest. Die Zahl der Besucher/innen ging sukzessive zurück, und ein Lichtspieltheater (welch ein symbolträchtiges Wort!) nach dem anderen sperrte zu. Um 1990 waren von der Fülle der Kinos in Wien nur mehr 54 übrig. Ich fotografierte hektisch die übriggebliebenen, weil ich die architektonische Vielfalt dieser Orte festhalten wollte. Beim Anschauen der Fotos dachte ich mir dann irgendwann, dass ich doch ein Ganzes daraus machen könnte. Eine Fotocollage? Nein, ein Bild malen, auf dem alle 54 Wiener Kinos von 1990 verewigt sind. Ja, und das machte ich dann auch.

Beim Malen wurden mir die gestalterischen Unterschiede erst richtig bewusst. Die Vielfalt der Filmankündigungen, die unterschiedlichen Eingänge, die Anordnung der Filmstills … Plötzlich war für mich als Filmfreak das Kino als Ort, als Architektur, zum interessanten Bildinhalt geworden.

Das Malen der 1990 noch in Betrieb befindlichen Wiener Kinos war mir nicht genug. Wo immer ich in den folgenden Jahren hinkam, fotografierte ich nicht die Sehenswürdigkeiten, sondern das, was ich sehenswürdig fand: die Kinos. So entstanden neben meinen anderen künstlerischen Arbeiten im Laufe der Jahre an die 120 gleichformatige Bilder einzelner Kinos aus Wien, aus den Bundesländern, aus Deutschland, Italien, Frankreich, Irland, New York und …
Die Fotos der Kinos liegen in einer Lade. Ich müsste sie immer wieder mühsam heraussuchen. Aber die gemalten Bilder hängen an der Wand, bei mir, bei Freund/innen. Dadurch sind die Kinos präsent. Ich kann sie anschauen, mich an ihrer Diversität erfreuen. Auch wenn viele Beispiele in der Realität nicht mehr existent sind, spüre ich immer noch ihre Atmosphäre.
Da mich Kinos noch immer magisch anziehen, ist mein Projekt, diese auf die Leinwand zu bannen, noch lange nicht zu Ende.

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Alle Bilder © Helmut Knaus

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