Diagonale
Festival des österreichischen Films
28. März–2. April 2017, Graz

Diagonale Webnotiz 8/2015

von Jakob Brossmann

 

Jakob Brossmann, 1986 in Wien geboren, studierte Bühnen- und Filmdesign an der Universität für angewandte Kunst in Wien. Er alterniert zwischen Theater, Fotografie, bildender Kunst und Dokumentarfilm. 2010 drehte er den Kurzfilm Rückruf, gefolgt von Tagwerk (2011).

Über den Zweifel

Für tausende Flüchtlinge ist Lampedusa ein Versprechen, für viele die Rettung. Die Insel ist ihr erster Eindruck von Europa. Für 4.500 Lampedusani bedeutet das ein Leben als Zeug/innen des permanenten Scheiterns. Seit Jahren kämpfen sie mit dem Ausnahmezustand auf der Insel.

Jakob Brossmann

Jakob Brossmann

Mit Lampedusa im Winter wollte ich diese Lebensrealität beschreiben. Ich glaube, dass sie den Blick für die Verhältnisse schärft – zwischen den Fliehenden und der „aufnehmenden“ Gesellschaft, letztlich uns selbst. In der vierjährigen Produktion dieses Films an der Grenze, über die Grenze, haben ich und mein Team extreme Erfahrungen gemacht. Viele der Erlebnisse erscheinen im Film selbst oder werden nachträglich in Interviews und Rezensionen sichtbar. Doch die Produktionsbedingungen – nicht nur die finanziellen, auch die gesellschaftlichen, ethischen, moralischen und emotionalen – können in diesem Rahmen kaum reflektiert werden.

Umso mehr freue ich mich über die Gelegenheit, in Form einer Diagonale-Webnotiz über diese Form des Filmemachens nachdenken zu können. Ich möchte versuchen zu beschreiben, welche Kräfte unsere Produktion mitbestimmen und wie diese angesichts des fertigen „Produkts“ in der Erinnerung und in Anekdoten verblassen. (Wenngleich hier einiges vielleicht pathetisch erscheinen mag, was einem sprachlichen Unvermögen geschuldet ist, meine ich stets sehr konkrete, unmittelbar in der Arbeit verankerte Vorgänge.)

Einer der geläufigsten Gemeinplätze im Feld der Kunst behauptet, es ginge um die Frage und nicht um die Antwort. Tatsächlich erscheint mir die Dialektik von Frage und Antwort eine wesentliche Rolle in der Tektonik zu spielen, als die ich das Filmemachen zunehmend begreife.

Du musst wissen, was du willst! Wie soll das aussehen? Sag es mir in zwei Sätzen. Wenn du dein Projekt nicht in zwei Sätzen erklären kannst, dann kann das nichts werden! Du hast fünf Minuten, überzeug mich! Du brauchst mehr Flüchtlinge, du musst näher ran!

Auf der einen Seite steht das Bedürfnis nach Klarheit – der eigene Wunsch wie auch das Drängen von außen: Der Film, das Projekt, die Aussage müssen konkretisiert, die Dramaturgie geschärft, die Dinge festgelegt werden. Viele Seiten werden verfasst – oft bevor ein einziger Tag „im Feld“ verbracht wird. Im Kampf um Förderungen, Senderbeteiligungen, Mitstreiter/innen, um den eigenen Mut, legen wir uns markige Zweizeiler zu. Überzeugende und eloquente Sprüche. Und selbst wenn sie die „Frage“ noch so laut proklamieren, befinden wir uns bereits im Kräftefeld der Behauptung, der Gewissheit, der Eindeutigkeit, der „Antwort“. Hier werden Versprechen gemacht, die zu halten mir oft schier unmöglich erscheint.

Der Aufwind dieser (Selbst-)Vergewisserung scheint mir vor allem unter den aktuellen Produktionsbedingungen auch zwingend notwendig. Zugleich liegt hier meiner Meinung nach die größte Gefahr für die künstlerische Produktion: das Festhalten an der Eindeutigkeit, an der gewünschten Aussage, am „Ich bin so geil“ etc.

Was aber auch geschieht, ist meines Erachtens die Verunmöglichung von Begegnung – mit den Menschen und der Welt. Mit dem, was ist. Mit der Realität. (Ja, ich bin der festen Überzeugung, dass diese existiert. Selbst wenn in mir Michael Glawoggers Warnruf „there is no reality“ noch nachhallt. Doch ich bin mir sicher, dass es sie gibt. Schön und grausam zugleich. Vielschichtig, vieldeutig, komplex, chaotisch – aber mit klaren Momenten und großen „einfachen“ Einsichten und Durchsichten, die es zu finden gilt. Und ich hoffe, dass wir uns über diese Realität verständigen können.)

Das Ergebnis des Festhaltens an der Gewissheit sind raffinierte Filme, die gut funktionieren. Atemberaubend schön. Klug konstruiert. Dramaturgische Meisterwerke. Formalistisch. Möglicherweise bahnbrechend. Propaganda und Produkt. Wir klopfen uns auf die Schulter und finden uns geil. Was ohne diese – zumindest vorübergehende – Aufgabe der Gewissheit nicht geschehen kann, sind Projekte, die von der Begegnung, der Konfrontation, der Auseinandersetzung mit der Welt leben: wahre Dokumentarfilme. Und ich wage zu behaupten: Erst in der Begegnung erlangen sie ihre politische Dimension.

Um diesen Verlust, das Driften ins Ungewisse, überhaupt als Chance begreifen zu können, möchte ich jenes dialektisch entgegengesetzte Kräftefeld betrachten. Jenes Territorium der Frage, der Ungewissheit, der Vieldeutigkeit. Unsicheres Land. Hier lässt sich schlecht bauen. Und doch bin ich mir sicher: Hier hat alles seinen Ursprung. Die ethischen, moralischen, narzisstischen und neurotischen Motive, die wir vor uns herschieben einmal beiseite. Fußt nicht alles auf einer ungewissen Neugier? Einer drängenden Sehnsucht nach dem Unbekannten? Auf einem brennenden Widerspruch? Einer Infragestellung der herrschenden Diskurse und der Medienbilder, die uns eine „Invasion“ von Flüchtlingen vorspiegeln? Haben wir uns nicht hier mit dem Feuer infiziert, das wir gerne teilen möchten?

Hier also vermute ich den Ursprung unserer Arbeit. Und wie ich skizzierte, müssen wir vielfach aufgrund externen Drucks Behauptungen errichten: Trutzburgen, trojanische Pferde. Alles, um unserer Sache irgendwann einmal nachgehen zu können. Doch ich bin mir auch sicher, dass wir – vor allem wir Dokumentarfilmer/innen, die an die Begegnung glauben – die Deckung der voreiligen, sagen wir „vorläufigen“ Antwort verlassen müssen.

Das ist oft ein schmerzhafter, unangenehmer Vorgang, den man sich ersparen möchte. Sämtliche Unzulänglichkeiten – die eigenen, die der anderen, die der Zeit und des Orts – stürmen auf einen ein. Das mögliche Scheitern, das schon immer hinter den Mauern der Behauptung in Deckung lag, baut sich in voller Größe vor einem auf. Man sieht, mit welchen Dimensionen, Kräften und Mächten man es in der Großspurigkeit der „Gewissheit“ aufgenommen hat.

Das möchte man gerne vermeiden – und würde es wahrscheinlich auch, wären da nicht die Zweifel. Sie sind die Erschütterungen, die die Tektonik zwischen den beiden beschriebenen Kräftefeldern hervorbringt. Erdbeben und Eruptionen, die ausbrechen, weil letztlich wir selbst den Widerspruch so ineinander verkeilen, dass Gebirge entstehen oder Tiefseegräben oder eine Insel.

Wie kann ein kleiner Film dem kaum fassbaren Elend dieser Flucht, dieser Verzweiflung gerecht werden? Wie kann ich mich angesichts des Leids der Flüchtlinge auch nur einen Tag dem Schicksal der Insel Lampedusa widmen? Woher weiß ich, wer die richtigen Mitstreiter/innen sind? Was, wenn es uns nicht gelingt, eine Ebene zu finden, um konkrete Missstände in der europäischen Politik anzusprechen? Was, wenn niemand spricht, weil sich die Menschen auf einer Ebene verständigen, die uns verschlossen bleibt? Ist die filmische Form der Frage überhaupt gewachsen? Wie halten wir das durch?

Eine dritte Kraft kommt ins Spiel. Die Freude an der Kunst. An der Form. Die Lust sich zu beweisen. Sich im Spiel zu vergessen. Das Geschenk, wenn man einen Augenblick Schönheit oder Wahrhaftigkeit findet.

Es mag an den Themen liegen, mit denen ich mich befasse. Aber wie so oft kommt diese Dimension zu kurz. Doch ich bin mir sicher, dass sie letztlich eine zentrale Ressource ist. Die Zweifel, so glaube ich jedenfalls, unterwandern die trutzigen Behauptungen, mit denen wir uns wappnen. Sie weisen uns den Weg ins Feld, lassen uns nicht gehen, bevor wir uns nicht dem risikoreichen Abenteuer gestellt haben, das wir eigentlich gesucht haben: die Begegnung – und die begründete Gewissheit, die wir (im Dreh und vor allem im Schnitt) aus ihr ziehen können.

Ich möchte für eine Kultur plädieren, die den Zweifel als produktive Kraft nicht nur akzeptiert, sondern auch schätzt. Ich glaube, der Zweifel wäre leichter zu tragen, wenn er einer Wertschätzung begegnen würde – und nicht wohlmeinenden Ratschlägen und „Lösungen“.

Ich bin unendlich dankbar für die Aufmerksamkeit, die unser Film und seine Botschaft in diesen Tagen erfährt, und während wir hoffen, einen Beitrag für eine offenere Gesellschaft leisten zu können, genießen mein Team und auch ich die Anerkennung und den flüchtigen Glanz. Ich erinnere mich, wie ich sehnsuchtsvoll auf jene blickte, die ihren Prozess und ihren Film abgeschlossen hatten. Mit spielerischer Leichtigkeit, wie mir schien. Ich würde mir wünschen, dass dem Scheitern und dem Zweifel das Stigma abhanden kommen – doch wie soll das gelingen, unter den Bedingungen des Marktes, des Wettbewerbs um Förderungen, Festivals und Aufmerksamkeit?

Der Zwang, jedes Projekts im Brustton der Überzeugung abschließen, jede aufgestellte Behauptung bis zum Ende durchtragen zu müssen, ist ein gefährliches Szenario. Filme zu machen erscheint mir unter diesen Bedingungen oft wie eine Wette. Doch wer in acht Tagen um die Welt reist, hat womöglich nicht mehr von ihr gesehen als die vorhersehbaren Bilder der Booking-Plattformen. Wer allerdings mit einer Frage in die Offenheit zieht…
Zum Glück haben wir unsere trojanischen Pferde und finden immer wieder Verbündete in den Förderstellen, Produktionsfirmen und unter unseren Freund/innen. Sie tragen die Zweifel mit uns.

Lampedusa im Winter: jetzt österreichweit im Kino!
Website: http://lampedusaimwinter.derfilm.at/
Facebook: https://de-de.facebook.com/lampedusaimwinter

Über den Zweifel. Download als PDF

Die Diagonale-Webnotizen wurden von 2010 bis 2015 von der BAWAG P.S.K. unterstützt.
Der Standard ist Medienpartner der Diagonale-Webnotizen.