Diagonale
Festival des österreichischen Films
28. März–2. April 2017, Graz

Diagonale Webnotiz 10/2014

von Katharina Wöppermann

 

Die Szenenbildnerin Katharina Wöppermann lebt und arbeitet in Wien. Sie hat mit zahlreichen Regisseur/innen im In- und Ausland gearbeitet, etwa mit Shirin Neshat, Raoul Ruiz, Jessica Hausner und Nikolaus Leytner. 2011 erhielt sie den Österr. Filmpreis „Bestes Szenenbild“ (für Women without Men) und 2012 den Diagonale-Preis für das beste Kostümbild (für Stilleben).

Unvollständige Gedanken zu ...

… Ausstattung, Production Design, Szenenbild, Filmarchitektur, Décor, Scenografia …

 

… viele mögliche Bezeichnungen, viele mögliche Wege
für einen Berufs-Cluster, der so viel Unterschiedliches beinhaltet,
wie es Filme gibt und in Zukunft noch geben wird.
Die Tätigkeit ist so wandelbar und meist unsichtbar – sowohl das Tun, als oft auch das Ergebnis – dass selbst Fachleute aus der Filmbranche zuweilen keine Vorstellung davon haben, was „die Ausstattung“ da im Verborgenen eigentlich so tut.

Ein bissl philosophisch …
Wir gestalten nicht das Filmbild, sondern den Raum, der zum Filmbild transformiert wird – à la Magrittes Bild, das eine Pfeife zeigt und gleichzeitig klarstellt:
„C’est ne pas une pipe“.
Das Filmset verhält sich zum Filmbild, wie ein Raum zu seiner zweidimensionalen Abbildung. Wir schaffen ein Raumangebot, in dem alle Überlegungen zum Thema des Drehbuchs, zu den Figuren, der Epoche, zum Stil des Films, zum Kameraausschnitt, zu Stimmung, Licht und Farbe, zu den Kostümen und Darsteller/innen, die sich darin bewegen, möglichst umfassend zusammenfließen.
Die individuelle Ausformulierung durch meine persönliche Interpretation ergibt den spezifischen Raum für die Filmszene.
Dieser Raum ist aber nur die „Urmasse“, aus der durch die Inszenierung, die Kameraeinstellungen, -bewegungen und den Schnitt der eigentliche Filmraum in der zweidimensionalen Leinwand entsteht.

Die Herausforderung ist …
aus dem mehr oder weniger unscharfen Bild, das Regie und Drehbuch vermitteln, eine gemeinsame Vision zu destillieren. Aus den Fragmenten von Ideen, der Fülle von Bildmaterial, filmischen Vorbildern, Bildbänden, Motiven und Inspirationen das Leitmotiv zu filtern, aus dem sich alle weiteren Schritte ergeben und das die Basis für jede noch so kleine Detailentscheidung wird.
All diese Schritte sind ein Widerhall des visuellen Konzeptes, sodass das Filmset am Ende ein „Resonanzkörper für Gefühle und Gedanken der Protagonisten“ wird. (Ralph Eue/Gabriele Jatho in „Production Design + Film“)

Ein bissl praktischer …
Wir lesen das Drehbuch, lesen es nochmals und nochmals und nochmals …
machen Listen, besprechen mit Regie und Kamera, diskutieren, träumen,
recherchieren, lesen und sammeln über die Welt, in der der Film spielt,
suchen Drehorte, nehmen Maß,
fotografieren Räume, Landschaften, Straßen, Dachböden, Fabriken, Schlösser, Jahrmärkte, Garagen, Gefängniszellen, Parks, Gasthäuser, Wohnungen, Bordelle ….
entscheiden, was zu bauen ist und was on location gedreht wird,
entwerfen, zeichnen, skizzieren,
planen, kalkulieren, organisieren Studiobauten,
verhandeln Preise, Kostenvoranschläge,
planen die Arbeitsabläufe von Auf- und Abbauten, vom Einrichten,
wälzen Bücher über die historisch richtige Art, einen Tisch bei Hof zu decken,
besprechen mit dem Fotografen die Perspektive eines Rücksetzers,
versuchen das Budget im Auge zu behalten,
beschwichtigen den Produzenten,
trösten den Regisseur, motivieren Mitarbeiter/innen, u.v.m.

Der schönste Moment ist …
wenn das Set rundum komplett ist, fertig eingerichtet und sich anfühlt wie die Idee dazu.

Der schlimmste Moment ist …
wenn das Team an „mein“ jungfräuliches Set kommt und mit Stativen, Schienen und Kaffeemaschinen alles wieder auseinander rupft.

Eine von vielen Anekdoten …
Für den Film Antares von Götz Spielmann war die Motivtour für einen ganz anderen Film entscheidend:
Als ich mit Barbara Albert Nordrand vorbereitete, besichtigten wir unter anderem eine ziemlich kleine Gemeindebauwohnung in einem Wiener Plattenbau.
Obwohl sie mir sehr filmisch vorkam, war sie für Nordrand dann doch nichts.
Aber ein paar Jahre später, als ich das Drehbuch von Götz Spielmann las, fiel mir sofort wieder jener Grundriss ein. On Location hätten wir in dieser kleinen Wohnung nicht drehen können, aber wir konnten uns den zukünftigen Studiobau im
Massstab 1:1 im Plattenbau anschauen und für die Szenen überprüfen, ob der Wohnungsschnitt für die Auflösung geeignet wäre. Ich vergrößerte die Wohnung unmerklich und fügte Sprungwände und Öffnungen für die Kamera ein.
Von Wiener Wohnen konnte ich mir gebrauchte Türen und Fenster derselben Siedlung ausleihen. Durch die realen Versatzstücke wurde der Studiobau ein Stück weit glaubwürdiger.

Ein letzter Gedanke …
… alles ist Lüge im Film.
Wenn wir gut lügen, schaffen wir vielleicht einen kurzen Moment Wahrhaftigkeit …

Women without Men

Salon Farah’s house aus Women without Men von Shirin Neshat, gedreht 2007 in Marokko

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