Diagonale
Festival des österreichischen Films
28. März–2. April 2017, Graz

Diagonale Webnotiz 7/2014

von Johann Lurf

 

Johann Lurf lebt und arbeitet in Wien. Zahlreiche seiner Filme wurden bereits bei der Diagonale gezeigt, etwa 2014 Picture Perfect Pyramid. www.johannlurf.net

Über die Zeit mit Harun Farocki an der Akademie der bildenden Künste Wien

Es ist schwierig, eine Beschreibung über den Umgang mit dem Medium Film zu wagen, ich werde es dennoch versuchen. Allem voran: die Betrachtung im Kino. Auf Film – sei es im Filmmuseum, Stadtkino am Schwarzenbergplatz oder Topkino (spät kommen wurde sehr ungern gesehen) – danach eventuell nur wenige Worte wechselnd, ein Witz, ein Seitenhieb, sehr oft eine Frage, die schon während des Films formuliert wurde, dann Ortswechsel: Die Klasse versammelt sich.

Die zuvor gestellte Frage oder eine Feststellung wird bearbeitet, mit ein paar Überlegungen und eigenen Erfahrungsberichten von mehreren Seiten betrachtet. Ein Vorschuss an Gedanken soll das gemeinsame Gespräch anregen, denn manchmal dauert es, bis aus dem studentischen Kollektiv die erste Wortmeldung kommt. Aber das macht nichts, die Stille ist immer gefüllt mit grübelnden Köpfen und dann geht es schon los, Einzelne beginnen ihre Sicht und ihre Fragen in den Raum zu stellen – die Diskussion beginnt. In dieser gibt es immer wieder zu beobachten, dass jedes Detail Wichtigkeit behält, und das ist vielleicht eine der größten Lehren, die ich aus der Zeit in der Farocki Klasse gezogen habe. Jede Kamerabewegung, ein ungewöhnlicher Schnitt, ein Tonelement, das beim ersten Mal hören nur beiläufig wahrgenommen wurde, sind strukturgebend in der Analyse Film.
Nachdem also etwas andiskutiert wurde, wieder in medias res: den Film ein zweites Mal betrachten, und besprechen. Das heißt, alle Anwesenden dürfen den Lauf unterbrechen, wir springen zurück und betrachten die Szene noch einmal, versuchen zu verstehen. Hier eröffnet sich ein ganz neues Spektrum, nämlich die großen Unterschiede in der Wahrnehmung. Wo manche eine lineare Erzählung sehen, vermuten andere Referenzen und Vorwarnungen, filmische Realität wird so in Frage gestellt, dass doch alles konstruiert wirkt. In den meisten Fällen wird das Medium, das Objekt, der Film viel reicher, Szene für Szene voller – auch diametral – unterschiedlicher Interpretationen. Eine eindimensionale Lesart ist meilenweit entfernt. Mit diesem Werkzeug, unseren so unterschiedlichen Sinnen, kann und wird alles behandelt: Spiel-, Stumm- und Experimentalfilm, Dokument und Musikvideo. Eine Methode, die auch direkt am Alltag erprobt werden kann. Auf die Frage, woher diese Methode stammt, meinte Harun Farocki einmal, dass er bereits vor Jahrzehnten mit anderen am Schneidetisch durch mehrmaliges Betrachten die intensivste Auseinandersetzung mit den Filmen erfahren konnte.

Dann wieder eine Pause für Zigaretten und Sauerstoff, in der natürlich weiter besprochen wird. Oder Neues wird angedacht. Bemerkenswert die große Geduld und Ernsthaftigkeit, mit der zugehört wird. Auch hanebüchene Irrwege werden locker aufgelöst, falls das denn möglich ist. Überlegt man heute – Jahre später – merkt man, was das bedeutet, nämlich nicht nur gemeinsam sondern auch voneinander zu lernen. Ich denke, Idee und Irrtum liegen oft sehr nahe beieinander, selbst zu schaffen bedeutet manchmal beide ernst zu nehmen, beide zu hinterfragen. Alle Gespräche immer wieder von HF angereichert durch eigene Erfahrungen, misslungene Versuche oder besondere Erlebnisse. Eigenes Unverständnis wurde immer bereitwillig geteilt.
Gleich dem Film wurde Text behandelt. Im Vorfeld studiert, dann in der Klasse blockweise vorgelesen und besprochen – close reading.
Für Workshops thematisch zu arbeiten bedeutete, ein möglichst simples Regelwerk aufzustellen und dann die einzelnen Arbeiten dazu genauso zu studieren und zu verstehen, wie die Filme des Seminars. Die Vielfältigkeit war Programm, das Interesse groß und Dankbarkeit wurde über jeden Beitrag ausgedrückt.

Ein weiteres Element waren die Einzelgespräche. Das eigene Projekt vorstellen, eventuell eine Rohfassung zeigen, und sich selbst damit durchaus in schwierige Situationen begeben – aber darum geht es. Nicht immer kann sofort etwas daraus gezogen werden, mal wird etwas humorvoll abgetan, manchmal nicht mal das, aber Skepsis ist eine Herausforderung, die man benötigt. Was mir an meinem Projekt gefällt, weiß ich ja selbst und das Wertvollste ist die ehrliche Kritik. Geht man dennoch den Weg, von dem abgeraten wurde, weiß man immerhin warum. (Ha!)

Es ist erstaunlich, wie oft ich über das Erfahrene aus dieser Klasse nachdenke, neu überlege. Ich höre, das geht vielen so, nicht nur mir.

Die Diagonale-Webnotizen wurden von 2010 bis 2015 von der BAWAG P.S.K. unterstützt.

Der Standard ist Medienpartner der Diagonale-Webnotizen.