Diagonale
Festival des österreichischen Films
13.–18. März 2018, Graz

Diagonale Webnotiz 9/2013

von Ludwig Wüst

 

Ludwig Wüst ist Filmemacher, Theaterregisseur, Schaupieler und Filmproduzent. Auf der Diagonale 2013 lief sein Spielfilm Das Haus meines Vaters, in den Jahren zuvor u.a. TAPE END und Jahr 2010 der vieldiskutierte Film KOMA.

bon voyage!

liebe daniela, deine anfrage bezüglich einer diagonale-webnotiz freut mich sehr, bin wie immer überbeschäftigt mit laufenden projekten, komme gerade aus dem waldviertel, wo ich cechovs „möwe“ inszeniert habe, meine erste theaterarbeit seit sechs jahren. ich bin dadurch cechov-süchtig geworden, lese derzeit alles, was ich zu diesem genialen schriftsteller finden kann, plane eine langzeitstudie mit „die möwe“, ein verfilmungskonzept hat sich bereits vor ort ergeben, aber film wird’s wohl keiner, es muss ein live-erlebnis bleiben können, kommendes jahr wird man seh’n …

was soll ich zu meiner filmarbeit schreiben? morgen habe ich ein internes screening des „rough cuts“ eines neuen, titellosen(!) films, einen weiteren (neuen) film dreh‘ ich ende september. eigentlich sollte es nur eine episode zu meinem heimatfilm-projekt werden, dank der kreativität meiner wunderbaren darstellerinnen claudia martini und martina spitzer wird’s wohl ein weiterer einstünder mit dem arbeitstitel close up!
ich könnte noch von weiteren in arbeit befindlichen filmprojekten (bis 2020) erzählen bzw. schreiben, aber … ich gehe jetzt weit zurück in meine kindheit, wo ich als 10-jähriger „bimpf“ (bayr. ausdruck, leider unübersetzbar!) als klosterschüler in einem salesianerkloster in bayern einige jahre verbrachte. dort hatte ich eine wunderbare schulzeit, an den wochenenden gab es kinofilme im gemeinschaftssaal, meist western oder piratenfilme, aber: es war unter anderem verboten, comics zu lesen. ich war schon damals ein großer fan von westerncomics z.b.: „leutnant blueberry“ von jean giraud (der letztes jahr leider verstorben ist). aufgrund des verbots ersann ich den plan, einfach selbst westerncomics zu zeichnen, da das wohl nicht verboten sein konnte, oder? …
als ich demonstrativ meine ersten westerncomics an meine kameraden im lesesaal verteilte, kam ein pater und wollte diese sogleich in stücke reißen. meine kameraden schrien auf: „ned zerreissen, die comics hod da lugge (bayr. für ludwig) gmalt!“ prompt wurden meine beiden „tom jeffords“-abenteuer von der direktion persönlich genehmigt.
wer tom jeffords war, kann ich hier leider nicht erklären, sorry, es würde den rahmen dieses textes sprengen … (er war der blutsbruder von häuptling cochise von den chiricahua-apachen …). jedenfalls, aufgrund meines künstlerischen erfolgs plante ich meinen ersten film zu realisieren, nämlich einen western, selbstverständlich! schnell war die wahl getroffen: es sollte das „remake“ eines großen vorbilds werden: old shatterhand nach karl may. zu meinen ersten kinoerfahrungen zählten vor allem (fast) alle karl may-verfilmungen, die ich in unserem dorfkino (kolpinghaus) gesehen hatte, zuletzt winnetou und old shatterhand im tal des todes, der mich maßgeblich beeindruckt hatte. nun wählte ich old shatterhand aus, den ich noch nie gesehen hatte. ich wollte ein „remake“(!) drehen … nun, was war zu tun?

winnetou_ludwigwuest

Ludwig Wüst als Winnetou

ich kannte in der klosterschule einen burschen, der ein selbsternannter karl may-filmexperte war. ich bat um audienz und ließ mir den film (old shatterhand) von ihm erzählen, ich schrieb fleißig mit, überarbeitete dramaturgische schwächen und machte mich ans werk, d.h. begann mit den dreharbeiten: (nb: meine lieblingsbeschäftigung war schon als kleines kind zeichnen und malen. all die jahre ließ mich diese leidenschaft nicht los, so auch hier in der klosterschule mit elf jahren.) ich nahm also meinen din a3-malblock, schnitt viele 10cm breite streifen herunter, klebte diese zusammen, sodass diese eine länge von 20 metern ergaben. darauf malte ich mit filzstiften und wasserfarben meinen winnetouundoldshatterhandfilm. die dreharbeiten dauerten ca. zwei wochen, das budget (taschengeld) war knapp, aber es ging sich aus. der film war damals wie heute ohne schnitt(!). dann nahm ich ein holzbrett, befestigte zwei rundhölzer, (länge ca. 15cm, durchmesser 3cm) aufrecht auf einer grundplatte, stahl zwei leere klopapierrollen aus der toilette, befestige daran meinen film, baute noch einen bühnenrahmen, malte diesen mit roter farbe an und fertig war mein kino.
abends bei der premiere war unser schlafsaal, der eigentlich nur 16 schüler beherbergte, rappelvoll mit ca. 80 schulkameraden. das saallicht wurde gelöscht, mein bester kamerad, der vorführer bzw. „lichtwerfer“ leuchtete mit einer taschenlampe auf die weiße leinwand, der countdown begann, ich bediente händisch die filmrollen, synchronisierte natürlich „live“ das geschehen, summte die berühmte eingangsmelodie von martin bötticher, die schulkameraden summten mit, es wurde ein großer erfolg … (zwei jahre später habe ich die „originalverfilmung“ im fernsehen gesehen und war entsetzt, wie schlecht der film war.)

wieder viele jahre später, nach schulabschluss, tischlerlehre und meiner übersiedlung nach wien mit schauspiel- und gesangsstudium sowie vielen theaterinszenierungen war ich im frühjahr 1998 in der ägyptischen wüste. ich hatte damals ein buch dabei, das eine freundin mir mit den worten gegeben hatte: „Dies wird dein erster film!“ es war „der fall franza“ von ingeborg bachmann. aus protest gegen diese anmaßende äußerung meiner kollegin weigerte ich mich ein jahr lang, das buch überhaupt zu lesen. dann, auf meiner ersten reise in die ägyptische wüste hatte ich zufällig das buch dabei, las es und beschloss, ja! dies wird mein erster „richtiger“ film. ich begann noch in der wüste viele storyboards zu zeichen, ich hatte auch meine erste digitalkamera dabei, um filmische notizen zu machen. so entstanden zwölf stunden videoaufnahmen und im lauf der weiteren drei jahre ca. 500 storyboards, meist coloriert mit wasserfarben.

als ich meinen film ägyptische finsternis (der name des 3. kapitels von bachmanns „franza“) im april 2001 in der ägyptischen wüste drehte, passierten alle erdenklichen katastrophen, die man sich für einen erstlingsfilm nur wünschen kann, inklusive einer verhaftung auf dem sinai … auch der schnitt des films dauerte … neun monate, dann folgte eine schwere geburt: die 15te fassung des films erblickte am 28. april 2002 um 16 uhr im filmcasino wien das licht der welt. der film löste erst großes unverständnis und langeweile aus, im lauf des jahres, wo er doch acht wochen im kino lief, bekam er meist sehr gute kritiken und wurde auch von einem kargen publikum wohlwollend aufgenommen …

wieder jahre später erinnerte ich mich meiner ersten digitalvideoaufnahmen, sichtete das damals eher planlos gefilmte material und war erstaunt ob der filmischen qualität und dichte der aufnahmen. ich begann das material zuerst mit einem assistenten zu schneiden, dann folgte der final cut mit meinem schweizer cutter samuel käppeli (der trotz der aufreibenden schnittarbeit zu ägyptische finsternis noch heute mit mir arbeitet!). ich nannte den film bon voyage, damit auch den zuschauern dieser wunsch beim sichten dieses films wohlwollend und ermutigend zur seite stehen möge … der film erlebte im märz 2007 seine premiere auf der diagonale und erregte einiges aufsehen …
am liebsten würde ich alle meine filme bon voyage nennen, weil ihre entstehung immer ungeplant, ihr werdegang ein abenteuer und ihre nächste premiere … spannend bleibt!
in diesem sinne wünsche ich jetzt schon meinem publikum zu meiner nächsten premiere „gute reise“!!!

Die Diagonale-Webnotizen wurden von 2010 bis 2015 von der BAWAG P.S.K. unterstützt.

Der Standard ist Medienpartner der Diagonale-Webnotizen.