Diagonale
Festival des österreichischen Films
13.–18. März 2018, Graz

Diagonale Webnotiz 5/2013

von Gerhild Steinbuch

 

Die mehrfach mit Literaturpreisen ausgezeichnete niederösterreichische Dramatikerin/Autorin lebt und arbeit in Berlin. Näheres zur Biographie und ihren Theaterstücken.

Im Panic Room

Was wollen wir erzählen und warum, und da fängt sie schon an, die Geschichte, die Lüge, in dieser Sehnsucht nach einer Gemeinschaft, nach einer Erzählung von Gemeinschaft, nach einer gemeinschaftlichen Erzählung, in der dann alle staunend und nickend herumstehen und sagen: Schön, ja. Schon schön. Alles muss eine Erzählung sein, damit man so darin herumstehen kann, dass einem die Beine nicht wehtun. Seine Beine nicht spüren müssen und trotzdem eine Anwesenheit besitzen, das ist das Leben, das sich über das alte Leben gestülpt hat, das ist das Leben in steter Vorwärtsbewegung, der wir nur hinterherkommen, wenn wir uns in jedem anderen so wiedererkennen wie im eigenen Spiegelbild.

Der Film ist der Panic Room, in dem die Angst gelebt wird, die das Leben ist, das sich nicht leben lässt. Über das sich nicht sprechen lässt. Wir reden immer in Heldengeschichten, wenn wir über unser Leben reden, und der Film spricht über uns. Der Film als ein Raum, der den Mangel offenlegen kann, nicht die Wunde, die sich schon wieder einer Narration anbiedert, eine Besonderheit beschwört. Der Mangel hat keine Dramaturgie, das ist seine Haupteigenschaft, weswegen wir über ihn immer etwas anderes erzählen, so lange, bis wir vergessen, worüber wir reden, dass wir darüber nicht reden, dass wir nicht sprechen, nie, weil sich über Angst nicht sprechen lässt. Die Angst ist nicht sprechbar, nicht greifbar, nicht tastbar. Sie ist nicht erzählbar, weil sie im Gegensatz zu uns weiß, dass sich das, was relevant ist, nicht erzählen lässt. Da fehlen die Worte, und die Wörter, die wir Playback reden, und die so gut auf die Lippen passen, die sind auch nur eine Geschichte, die sich keiner ausgedacht hat, die sich jeder ausgedacht hat. Das Leben als ein gut synchronisierter Film, der eine andere Geschichte erzählt als die eigentliche. Dem Volk aufs Maul schau’n, den Menschen auf die Lippen schauen, aus denen kein Wort kommt, an denen jede Menge hängt; der ganze Stolz, der ganze Standplatz.

Wenn ich lebe, lebe ich nicht, dann lebe ich mein eigenes Leben Playback. Der Körper ist der Schlüssel zur Angst, aber der ist so weit weg, der ist so gut verankert und vertaut und festgekettet in einer Geschichte, dass er gar nicht zu Wort kommt. Die eigenen Beine nicht spüren müssen, bis man sie nicht mehr spüren kann. Vielleicht ist das die wahrste Geschichte: Dass sich nichts spüren lässt, außer das Gefühl der Lippen, wenn sie ihre Geschichte Playback sprechen.

Der Panikraum Film, den ich meine, der den Körper wieder mit dem Rest zusammenbringt, gerade weil er auf die Trennung aufmerksam macht, anstatt sich ständig mit dem Vernähen abzumühen, das ohnehin nicht stattfinden kann, dieser Panikraum Film muss kein Ort des Schreckens an sich sein, kein Horrorort, keine Hütte im Wald, sondern ein Ort, der schrecklich ist, weil er sich der Geschichte verweigert, die wir uns erzählen über uns, weil er das uns auseinandernimmt. Da schaut man hinein und die Angst schaut zurück, und das ist dann ein schöner Moment, weil er wahr gewesen ist. Da, im Panic Room, kann das Sprechen endlich stattfinden, an diesem Ort, der wahr ist, der sich nicht leben lässt.

 

Die Diagonale-Webnotizen wurden von 2010 bis 2015 von der BAWAG P.S.K. unterstützt.

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