Diagonale
Festival des österreichischen Films
13.–18. März 2018, Graz

Diagonale Webnotiz 3/2013

von Johanna Orsini-Rosenberg

 

Johanna Orsini-Rosenberg lebt als Schauspielerin in Wien. In Daniel Hoesls Film Soldate Jeannette, der auf der Diagonale 2013 seine Österreich-Premiere feiern wird, spielt sie die Hauptrolle „Fanni“.

Begegnung mit einer Rolle: Fanni. Soldate Jeannette.

Ich habe kein System, keine Rituale, kein „Rezept“ beim Erarbeiten einer Rolle. Wobei das Wort „Rezept“ wiederum direkt zu meiner Filmarbeit mit Daniel Hoesl, Gerald Kerkletz, Katharina Posch und Eva Hausberger (A European Film Conspiracy) führt.
In diesem Fall habe ich mich an ihnen orientiert und wir haben sozusagen gemeinsam „gekocht“. Wir haben keine Zutaten gesucht und besorgt, sondern das gewählt, was zur Verfügung war.

Im Fall von Soldate Jeannette und der Rolle „Fanni“ waren das unter anderem meine Erfahrungen aus einer Welt, die ich aus meinem Umfeld kenne, mit welchem ich aber gar nicht sehr verbunden bin, welches ich schon immer, auch als Kind aus Distanz beobachtet habe, mit Interesse und einem gewissen Vergnügen. Dieses Vergnügen, das Darstellen dieser Welt, einer Dame aus der„noblen Gesellschaft“, diese Sprache zu benutzen, hat mich mit Daniel sofort verbunden. Aber auch das Thema der Abgründigkeit, ich kenne Leute, deren Existenz auf Sand gebaut ist und die nur mehr den Schein aufrecht erhalten, wobei Daniel ja weitergeht, weil Fanni schließlich auf alle Konventionen pfeift und sich gar nicht bemüht, in ihrer Welt weiter zu leben. Das ist ohnehin für mich ganz wichtig: zu erahnen, erspüren, wer der Regisseur ist, was er sucht und dann die Spurensuche, das zu liefern, was er sucht.

Schauspielen ist für mich immer Transformation, Erfinden. Bei dieser Arbeit war ich besonders eingebunden, da wir ohne Drehbuch gearbeitet haben. Es ist ein unglaublicher Luxus, die Dialoge gemeinsam zu entwickeln, oft sehr spontan, auch kurz vor dem Dreh. Es ist auch eine Herausforderung und Verantwortung, da wir Schauspieler/innen eher gewöhnt sind, uns an das Drehbuch anzupassen und zu versuchen, uns das Geschriebene anzueignen. Hier war ich gefordert, mich zu öffnen und sofort in die Situation einzusteigen, die Vorlage war nur die Situation. Konkret hat das so ausgesehen, dass wir zum Teil improvisiert haben, daraus sind die Dialoge entstanden, manchmal kam Daniel auch mit einem Dialog, wir haben diesen dann in den Proben wieder etwas verändert, oft auch nur im Gespräch. Je länger wir zusammen gearbeitet haben, umso schneller ging das.

Die Szenen, der erste Teil in Wien, waren sehr gut vorbereitet. Im zweiten Teil, am Bauernhof, haben wir ganz anders gearbeitet, da ohnehin nicht klar war, wohin die Geschichte führen wird.
Hier haben wir von Tag zu Tag neu erfunden, oft auch kurz vor dem Dreh; da fiel etwa die Entscheidung, dass ich mit Josef Kleindienst, der den Bauern spielt, „Karten spielen“ soll. Wir haben uns hingesetzt und Karten gespielt und geredet und dann gab es paar kleine Anweisungen, Änderungen, wir haben den Dialog festgelegt und gedreht. Aus unserem Dialog hat sich die Geschichte weiter gesponnen. Ich hatte die Idee, dass wir beim Kartenspiel wetten, Daniel die Idee, dass wir darum wetten, dass Fanni mit dem Auto fahren darf etc. Wenn man einmal so gearbeitet hat, will man das eigentlich wieder haben, auch wenn es anstrengend ist, da ja die Vorgaben sehr minimal sind und ich mir manchmal schwer getan habe damit, nicht zu wissen, was am nächsten Tag gedreht wird, wie es weiter geht, worauf ich mich einlassen muss.

Eine weitere Herausforderung war, dass wir für die Maske selbst zuständig waren, auch für die Kostüme, ich musste immer das Richtige ans Set mitnehmen.
Das war teilweise gar nicht so einfach, da ich „öffentlich“ oder mit dem Rad zum Dreh gefahren bin und ja nicht immer alles mitnehmen konnte und die Szenenabfolge war auch nicht immer chronologisch, sodass ich oft nicht wusste, in welchem Moment Fanni welches Kleid trägt. Auf der anderen Seite hat sich so eine Beziehung entwickelt zwischen meinem Kostüm und mir. Aber ich verstehe jetzt gut, dass es Leute gibt, die extra dafür zuständig sind.
Beim Dreh wurde sehr exakt gearbeitet, jede kleinste Nuance festgelegt. Da gab es dann keine „Freiheit“. Hier haben sich alle sehr genau an Verabredungen gehalten. Ich durfte im Wald keinen Zentimeter von dem vorgegebenen Weg abweichen, was auch spannend war, da die Wege sich nicht an den tatsächlichen orientierten, sondern an Sträuchern, Steinen, irgendwelchen Ästen. Gerald hatte eine sehr genaue Vorstellung, wie wir uns durch das Bild bewegen sollen. Auch in den Dialogszenen waren wir sehr präzise, da ist kein Satz improvisiert. Das war sehr wichtig. Die Bilder sind komponiert, da ist nichts dem Zufall überlassen. Aber genau das habe ich sehr geschätzt, viel Freiheit im Erfinden und dann in der Ausführung Präzisionsarbeit.

Durch das Zusammenwirken verschiedenster Dinge, dieser Zusammenarbeit ist dann diese Fanni da gewesen, sehr selbstverständlich und auch „funny“. Ausdenken hätte ich sie mir nicht können. Die Figur ist sehr eigen und hat mich selbst beim Betrachten etwas überrascht.

Die Diagonale-Webnotizen wurden von 2010 bis 2015 von der BAWAG P.S.K. unterstützt.

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