Diagonale
Festival des österreichischen Films
13.–18. März 2018, Graz

Diagonale Webnotiz 2/2013

von Michael Glawogger

 

Michael Glawogger ist Regisseur, Autor und Kameramann. Bei der Diagonale 2013 fungiert er als Mitglied der Dokumentarfilmjury.

Wo siehst du alle diese Filme?

„Wo siehst du alle diese Filme?“, fragt mich meine Frau, wenn ich in ein anderes Zimmer gehe, um dort Fußball zu schauen, weil ich den Film, den sie sehen möchte, schon kenne. „Im Flugzeug“ ist dann die häufigste Antwort, manchmal auch auf DVD, am Schnittcomputer in einer Rohschnittfassung oder auf einer Raubkopie aus Hongkong oder Bangkok. In Abwandlung eines John Lennon-Zitats könnte man auch sagen: „The DVD is what happens to you while you’re busy making plans to go to the movies“.

Dabei war der Ort Kino, der dunkle Saal, die Stimmung aus selbstgewählter Einsamkeit unter vielen, die zwei Stunden Auszeit vom Leben, das Ausgeliefertsein an eine Geschichte, an einem vertrauten Ort (der selbst dann vertraut war, wenn man ihn nicht kannte) gerade der Grund, warum ich überhaupt mit dem Schauen und später dem Zeigen und schließlich dem Machen von Filmen begonnen hatte. Aber ist Kino heute noch der Ort, an dem Film verhandelt wird? Hat ein nach Popcorn und Nachos stinkender Saal im Cineplexxxxxx (niemand kennt mehr die Anzahl der x hinter dem -plex, und es ist unklar, ob komplex oder perplex gemeint ist) von Wiener Neustadt noch die gleiche Anziehungskraft auf mich, wie das Thalia Kino meiner Jugend, mit seinen 70mm-Projektoren und seiner eleganten Bestuhlung, oder das versiffte Pornokino am Grazer Hauptbahnhof? Beide gibt es nicht mehr und wahrscheinlich waren sie auch gar nicht so attraktiv, wie sie in meiner Erinnerung erscheinen. Aber es war ein gewisses kleinstädtisches Abenteuer damit verbunden, sie aufzusuchen. Das ist mir geblieben. Genauso wie es mir geblieben ist, irgendwo auf der Welt in ein Kino zu gehen, ohne vorher ins Programm zu schauen. Aber genau genommen sind das Anfälle von Nostalgie, auf eine andere Zeit umgelegt. Sie müssen eigentlich zur Enttäuschung führen.

Geht man in einen alten, verkommenen Filmpalast mit grandios blinkender und doch halb kaputter Neonschrift, sind Projektion und Ton meist von aberwitzig schlechter Qualität. Geht man in ein Plexxx in einer Mall, ist der Film zwar von atemberaubender digitaler Schärfe, überwältigender farblicher Intensität und lässt einen manchmal in dreidimensionale Tiefen stürmen, von denen man nie hätte träumen können. Aber irgendwie will man nicht an diesem gesichtslosen Ort sein, mit seinen einheitsroten Sesseln und albern uniformierten Arbeitskräften, die Popcornreste und Nachobrösel zusammenkehren, während die wenigen Zuschauer unter der pompösen Musik eines Nachspanns fluchtartig den Saal verlassen und auf ihren iPhones rasch überprüfen, ob ihnen nicht das eigene Leben in der Zwischenzeit davongelaufen ist.

Also, wo ist der sehnsuchtsgeladene Ort Kino noch? In den Ausnahmemomenten der Festivals? Ja, da ist er schon noch. Aber dort hat er mehr etwas Alljährliches denn etwas Alltägliches. Das ist schon schön, und darauf kann man sich auch freuen – auf die Filme ebenso wie auf die Qualität der Säle und der Vorführungen. Aber doch wird es immer klarer, dass das Kino, für das ich wie ein Kreuzritter in die Welt gezogen bin, in der ich immer noch herumirre, aus unserer Alltagskultur verschwunden ist. Film wird woanders verhandelt. Nicht umsonst sind die letzten vertrauten Orte des Kinos inzwischen meist Cinematheken und Filmmuseen.

Aber ich will hier nicht traurig sein, denn nur weil etwas anders wird, heißt es nicht, dass es unbedingt schlechter wird. Sagen wir, dass wir gerade in einer Zeit leben, in der sich der Film einen neuen Ort sucht. Er hat seinen Ranzen gepackt und zieht so um die Welt.

 

Die Diagonale-Webnotizen wurden von 2010 bis 2015 von der BAWAG P.S.K. unterstützt.

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