Diagonale
Festival des österreichischen Films
13.–18. März 2018, Graz

Diagonale Webnotiz 1/2013

von Robert Cambrinus

 

Der Filmemacher und Produzent Robert Cambrinus lebt und arbeit in London und Wien. Sein neuer Film Viel lauter kann ich nicht schreien wird im Experimentalfilmprogramm der Diagonale 2013 seine Uraufführung haben.

Gegeben sei: 1. Der Wasserfall, 2. Das Leuchtgas

Ungeduldig schalten wir von Fernsehkanal zu Fernsehkanal, wenn das Programmangebot nicht gleich unser Interesse weckt. Aus Struwwelpeters Zappelphilipp wurde der Zappenphilipp. (Jeder weiß, was Zappen ist, aber kennt noch jemand den Struwwelpeter?) Wir sind alle längst zu Surfern geworden mit Aufmerksamkeitsspannen, die so kurz sind, dass wir uns im Internet immer häufiger mit Synopsen und Wikipedia begnügen oder überhaupt nur noch von Link zu Link springen. Wir benehmen uns wie postindustrielle Affen, die auf digitalen Bäumen turnen. Im Kino hingegen hat der Projektionist das Sagen. Keine Fernbedienung, keine Maus, kein Touchscreen gibt uns die gewohnte Macht über das, was wir uns anschauen. Wir sitzen im Dunkeln. Vielleicht genießen wir sogar diese temporäre Aufgabe unserer Entscheidungsgewalt. Jedenfalls setzen wir uns im Kino bereitwillig der filmischen Vision eines anderen Menschen aus. Wir bleiben sitzen und lassen uns überraschen.

Das Kino ist ein Ausstellungsort, den ich besuche wie eine Galerie oder ein Museum. Das Betrachten von Kunst in Büchern oder im Internet kann die Begegnung mit den Werken im Original ebenso wenig ersetzen wie das Anschauen von Filmen auf DVD, im Internet oder im Fernsehen. Ich gehe also ins Kino, um einen Film im Original zu erleben, d.h. im ursprünglichen Bildseiten- und Tonformat, in der Originalsprache und -länge und auf dem intendierten Bildträger, der großen Leinwand. Wie ein Künstler, der in der Originalgraphik die drucktechnischen Möglichkeiten für den künstlerischen Ausdruck nutzt, wählt auch der Filmemacher sein Format (Zelluloid, Magnetband oder Digital) bewusst aus. Doch schon die Entscheidung über das Vorführformat, das dem Aufnahmeformat nicht unbedingt entsprechen muss, ist oft keine kreative mehr, sondern eine durch die Industrie bedingte. Jener Film aber, der – egal in welchem Format – mit der Intention geschaffen wurde, im Kino vorgeführt zu werden, findet in den dunklen Ausstellungsräumen stets seine Originalspielstätte.

Was immer wir uns zu Marcel Duchamps Installation Étant donnés: 1° La chute d’eau, 2° Le gaz d’éclairage auch denken mögen, wir versuchen uns „ein Bild zu machen“ und Bedeutungszusammenhänge herzustellen. Im Kino sehen wir projizierte Bilder und gleichzeitig entstehen unsere eigenen Bilder dazu in unseren Köpfen. Die Absicht des Filmemachers trifft auf die Ansicht des Zuschauers, wobei der Kunstschaffende selbst seine Absicht nie vollkommen realisieren kann. Marcel Duchamp spricht von einer Differenz zwischen dem, was ein Künstler zu realisieren beabsichtigte und dem, was er tatsächlich realisierte. Diese Lücke stellt allerdings keinen Mangel dar. Gerade diese Unvermessbarkeit des Kunstwerks, die eine Absichtslosigkeit beinhaltet, ist dessen eigentliches Potential. Die Relation zwischen dem Unausgedrückten-aber-Beabsichtigten und dem Unabsichtlich-Ausgedrückten nennt Duchamp den persönlichen „Kunstkoeffizient“. Und wenn dann der Betrachter das Phänomen der Transmutation erlebt (übertragen auf den Film etwa die Verwandlung von Licht und Schatten in Filmkunst), hat eine Transsubstantiation stattgefunden. Dem Rezipienten fällt es zu, das Werk zu dechiffrieren und zu interpretieren. So trägt er/sie zum kreativen Akt bei! Letzteres führt Duchamp nicht im Detail aus. Der rezeptive Prozess (die Decodierung und Deutung) ist jedoch ähnlich komplex und idiosynkratisch wie der kreative Akt des Kunstschaffenden.

Es besteht nämlich eine Differenz zwischen dem, was ein Zuschauer zu verstehen glaubt (seine subjektive Objektivität), und dem, was er unbewusst verstanden hat (seine objektive Subjektivität). Diese Lücke macht die Rezeption ambivalent und verleiht dem Filmerlebnis eine persönliche Resonanz. Der „Rezeptionskoeffizient“ hängt von individuellen Faktoren ab (wie dem soziokulturellen Umfeld, spezifischen Lebenserfahrungen, genetischen Einflüssen etc.). Der Zuschauer sieht also immer seinen eigenen Film. Es sind unsere individuellen Wahrnehmungen in Verbindung mit unseren persönlichen Geschichten, also unsere eigenen Bilder, die mit den Bildern und Tönen auf der Leinwand verschmelzen und so zu einem emotionalen und intellektuellen Erlebnis führen. Es ist ein wundersamer, osmotischer Prozess. Dafür braucht man ungeteilte Zeit – wie für die Bilder einer Ausstellung. Der dunkle Raum des Kinos schenkt uns diese Zeit.

Die Diagonale-Webnotizen wurden von 2010 bis 2015 von der BAWAG P.S.K. unterstützt.

Der Standard ist Medienpartner der Diagonale-Webnotizen.