Diagonale
Festival des österreichischen Films
13.–18. März 2018, Graz

Diagonale Webnotiz 11/2012

von Dietmar Kammerer

 

Dietmar Kammerer ist Filmwissenschafter an der Universität Marburg. Er schreibt Filmkritiken u.a. für die tageszeitung (taz) und den Standard.

Erstbegegnungen

Wenn ich wissen will, wie die Filmstarts der kommenden Monate aussehen, starte ich den Browser. Neue Filme begegnen mir beinahe ausschließlich das erste Mal im Netz. Es gibt viele Möglichkeiten, Filmtrailer im Internet zu sehen, ich habe zwei gefunden, die mir genügen und bei denen ich regelmäßig vorbeischaue, aus Neugierde und aus Zeitvertreib, wie ein Spaziergänger, der in den Schaufenstern der Kaufhäuser die neue Ware begutachtet.

Wie in der Offline-Wirklichkeit werden auch im Netz Filme als Filmplakate vorgestellt, allerdings stark verkleinert, als Miniaturen. Das scheint das neue Einheitsformat für Medien zu sein: Egal ob Musik, Literatur, Zeitschrift, Film oder Software, alles wird hinter ein rechteckiges Thumbnail verpackt. Ich frage mich, ob Grafiker das inzwischen von vorne herein ins Design einplanen, dass ein Filmplakat sowohl in ganz groß als auch in ganz klein funktionieren muss, das heißt: auffallen muss. Aber dann war es wohl schon immer notwendig, dass ein Poster schon aus der Ferne irgendwie unser Interesse wecken soll, durch ein bekanntes Gesicht, einen knalligen Schriftzug oder ein unerhörtes Bild, etwa die Riesenwelle, die über die Freiheitsstatue schwappt oder ein blutverschmiertes Hackebeil. Da braucht man gar nichts sonst mehr zu lesen oder zu wissen, da ist sofort klar, was einen erwartet.

So stehen sie dann da, kleine bunte Bildchen, aufgereiht in Reihen und Kolumnen, die darauf warten, von mir angeklickt zu werden. Bei so viel Auswahl kommt dieses Gefühl: Süßwarenladen. Eine Welt voller Möglichkeiten. Aber auch: Wozu soll ich mich entscheiden? Ein Trailer dauert zwei bis drei Minuten, in dieser Zeit muss mir der Film verkauft werden. Manche dieser Bewerbungsfilme werden dabei unglaublich redselig, sogar geschwätzig, was sie aber auch interessant machen kann. Andere geben sich geheimnisvoll, wollen mit nichts rausrücken und müssen einem dennoch die ganze Zeit etwas anbieten. Manche Trailer sind wie routinierte Verkäufer, die ihre Tricks so gut beherrschen, dass sie sie nicht mehr ernst nehmen können. Andere sind Zocker, die einem mit stoischer Miene vorspielen, sie hätten ein fantastisches Blatt auf der Hand, aber in die Karten schauen lassen sie sich nicht. Es gibt verspielte Trailer und todernste, solche, die nur Appetitanreger sein wollen und solche, die ein mehrgängiges Menü zu einem Eintopf verrühren.

Im Internet hat man die Wahl, den Trailer im Kleinformat in guter oder im Vollbild in verschwommener Bildqualität zu sehen. Manche der Filme bricht man nach 20 Sekunden ab, bei anderen spult man zu einer bestimmten Stelle zurück, weil der Effekt so überraschend war oder weil man versucht, mehr zu erkennen und zu erraten, als der Clip preisgeben will. Zu manchem Trailer kehrt man in den folgenden Wochen wieder und wieder zurück, um sich die Zeit bis zum Filmstart zu verkürzen. Bis man denkt: Wie kann ich den Film jetzt noch so sehen, wie er selbst gesehen werden will? Ist ein Trailer zu Ende, steht der nächste schon bereit. Klick, klick, klick. Ich erinnere mich, was Lars Henrik Gass, Leiter der Kurzfilmtage Oberhausen, in „Film und Kunst nach dem Kino“ geschrieben hat: dass das Kino, anders als die neuen Medien, ein Raum ist, „in dem man eine Wirklichkeit nicht mehr betrachtet, reflektiert oder sich vorstellt, sondern in der Zeit verloren zur Wahrnehmung gezwungen ist“.

Dann, endlich, kann ich den Rechner ausschalten. Und mich aufs Kino freuen.

 

 

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