Diagonale
Festival des österreichischen Films
28. März–2. April 2017, Graz

Diagonale-Webnotiz 1/2012

von Cornelia Schwaighofer

 

arbeitet im Wiener Diagonale-Büro

Ortsabhängig

Es muss irgendwann 1984 gewesen sein, als Schneewittchen auf einer riesengroßen Leinwand einen Apfel in der Hand hielt und ich mit meinen drei Jahren ganz genau wusste: Jetzt geht’s ans Eingemachte! Doch alles Bitten half nichts, Oma sah überhaupt nicht ein, dass ich nun auf schnellstem Weg den Kinosaal verlassen wollte, und nach dem Motto wenns-keiner-sieht-passiert’s-auch-nicht, das Schlimmste vermeiden wollte. So vergrub ich meine Nägel in die merkwürdig samtig bezogenen Klappsitze und hielt – zugegeben, im schützenden Dunkel, das mich so gut wie unantastbar machte – tapfer durch bis zum Ende. Und auch wenn es zwischendurch ganz schön schlecht um Schneewittchen stand, zu guter Letzt hat sie dann doch noch den Prinzen bekommen. Mein erster Kinobesuch war überstanden, mir war schlecht von einer ganzen Packung Sportgummis und die Fahrt vom Kepler Kino bis nach Hause dauerte eine Ewigkeit – Zeit genug, um Oma immer wieder zu erzählen, was in dem Film geschehen war.

Mir fällt es schwer, mich von alten Gewohnheiten zu trennen: Deshalb rauche ich noch immer und fahre auch mit 30 noch Moped. Und ich gehöre seit meinem dritten Lebensjahr zu den Menschen, die jeden Film, den sie gesehen haben, mit einem Kino verbinden. Ich mag es schmuddelig, klein, gemütlich, mit einem gewissen familiären Charme. Ich mag die Geschichten, die in Lichtspieltheatern erzählt werden.

Eine Frau um die 70 teilte mir im Foyer der Breitenseer Lichtspiele unaufgefordert mit, dass sie schon seit ihrem 16. Lebensjahr zu den Stammgästen des Kinos gehört. Sie drückte das obligatorische Sitzkissen für die karge Holzbestuhlung etwas fester an sich, musterte mich und sagte schließlich: „Aber in Ihrem Alter habe ich meinen Freund immer nur Karten für die letzte Reihe kaufen lassen. Denn nur da konnte man unbeachtet schmusen und gleichzeitig im rückwärtigen Spiegel den Film ansehen.“ Dann erkundigte sie sich mit einem Lächeln – das mir eine lebhafte Vorstellung der 16-jährigen Cineastin vermittelte – ob ich mir sicher sei, dass Spartacus (Überlänge!) in meinem Alter ohne Begleitung Sinn machen würde.

Bei mir funktioniert die Verbindung von amourösen Aktivitäten und Kino nicht. Schmerzlich machte die Erfahrung schon mein 13-jähriger Freund, als wir im Gloriette Kino Karten für My Girl erstanden und ich zur eindeutigen Klärung der Fronten auf dem Sitz ZWISCHEN uns beiden die Winterjacke und Schultasche zu einem möglichst unüberwindbaren Berg auftürmte.

Als ich 16 war, stolperte ich mit einer Freundin um 3.30 Uhr morgens durchs Schikaneder. Wenn wir nur drei weitere Gäste davon überzeugen könnten eine Eintrittskarte zu kaufen, würden sie den Film noch zeigen. Um 4.00 Uhr morgens lief der Vorspann von Element of Crime an. Die durchaus motivierte Freundin flirtete weiter mit einem der beiden Studenten auf der Plastikledercouch in der letzten Reihe. Der Typ in der dritten Reihe rauchte Kette und der zweite Student, in der Mitte des Saals, schlief seinen Bierrausch unter lautem Geschnarche aus. Es müffelte nach verschütteten Bier und einem Gemisch von kaltem und warmem Rauch. Ich kämpfte gegen den Schlaf, blieb wach bis zur letzten Minute und kann mich heute nur noch an ein Meer von Gelb und ein großes Fragezeichen in meinem Kopf erinnern.

Irgendwann verriet ich dem Filmvorführer vom Filmcasino, dass ich nach wie vor bei Disney-Filmen heule wie ein kleines Kind. Verlegen blickte er auf den Boden der Vorführkabine, während die alte Kinoton-Maschine den 35mm-Film unter lautem Geratter durchlaufen ließ. Dann lächelte er verschmitzt und meinte: „Ich versteh’ das. Ich weine auch nur im Kino – wie das echte Männer halt so tun.“  Nähere Informationen konnte ich nie einholen, denn es war der Zeitpunkt gekommen zu überblenden und die zweite Kinoton setzte sich krächzend in Bewegung und tat ihr Bestes die Betriebsgeschwindigkeit zu erreichen.

Wenn ich mir jetzt eine Träne im Schein der Notbeleuchtung aus dem Augenwinkel wische, während der Abspann dem Film noch einige Momente fürs Durchsickern lässt, bin ich erleichtert, dass es diese Orte (teilweise) noch gibt. Jene, wo der Abspann im Halbdunkel gezeigt wird. Diese kleinen verschrobenen Kinos, mit kleinen Sälen. Wo manche Filme so viele Schrammen haben wie die Sitze und man spürt, dass beides Geschichte und Charakter hat und sich die Stammgäste beim Kauf der Eintrittskarte komplizenhaft zunicken – man kennt sich halt.

So einmal im Jahr verschlägt es mich dann doch in einen Kinotempel. Um zum Kinosaal zu kommen, muss man durch die unendlichen Weiten eines nach Popcorn stinkenden Foyers, das eher an die Abfertigungshalle eines Bahnhofs erinnert. Nur, statt Fahrkarten erhält man weitere stark riechende vollkommen überteuerte Snacks an den seitlich angelegten Verkaufstheken. Uniformierte Teenager reißen mir die Eintrittskarte ab und schicken mich Richtung Rolltreppe, um endlich an mein Ziel zu kommen. Spätestens in dem Moment, in dem ich neben der Kleingruppe sitze, die mir jetzt schon den letzten Nerv raubt, weil vereinzelte Mitglieder versuchen, den viel zu lauten Trailer mit ihrer Diskussion über die „bessere“ Nacho-Sauce an Lautstärke zu übertreffen, bereue ich meine Entscheidung für dieses Kino und denke still bei mir: So viele Kuschelsitze bringen die gar nicht in einen Saal, dass ich mich hier jemals – trotz der von der Leinwand offensichtlich drohenden Gefahr – so gut aufgehoben fühlen würde wie 1984 im Kepler Kino mit meinen (beinahe geruchlosen) Sportgummis.

 

Die Diagonale-Webnotizen wurden von 2010 bis 2015 von der BAWAG P.S.K. unterstützt.

Der Standard ist Medienpartner der Diagonale-Webnotizen.