Diagonale
Festival des österreichischen Films
28. März–2. April 2017, Graz

Diagonale Webnotiz 6/2012

von Sebastian Meise

 

Sebastian Meise war bei der Diagonale 2012 mit zwei Filmen vertreten: einerseits mit dem Dokumentarfilm Outing und andererseits mit dem Spielfilm Stilleben, für den er auch den Großen Diagonale Preis bekam.

Point of No Return

Am Anfang bin ich immer recht zuversichtlich.
Doch meist nach kurzer Zeit schon kommt die Verunsicherung, der Zweifel darüber, ob ich mich auf dem richtigen Weg befinde.
Die klassische Dramaturgie erklärt, der Protagonist einer Geschichte trifft zu Beginn der Erzählung, aus einem ihm selbst noch nicht erschließbaren Grund, eine Entscheidung, von der aus es kein Zurück mehr gibt: der Point of No Return; ab dort nimmt die Geschichte ihren unausweichlichen, planmäßigen Verlauf. Der Held überwindet seine Unentschlossenheit, bewältigt unter Einsatz seines Lebens unzählige Gefahren, besiegt schließlich seine Widersacher und kehrt als neuer Mensch in die Welt zurück, die er vor dem drohenden Unheil bewahrt hat und die ab diesem Zeitpunkt für immer in einem Zustand der Glückseligkeit verweilen darf.
Als Kind hatte ich eine tiefe Sehnsucht nach Geschichten dieser Art.
Mit der Star-Wars-Saga hat sie begonnen.

Ein Freund meines Bruders hat mir die Trilogie damals auf VHS geschenkt, als Wiedergutmachung dafür, dass er mir grundlos mit einer Steinschleuder auf den Kopf geschossen hatte. Selbst schockiert über diese spontane Böswilligkeit hat er die Schleuder einfach fallen gelassen und ist davongerannt, doch meine Mutter ist ihm, so schnell, wie ich sie nie mehr habe laufen sehen, hinterher und hat ihn vor seiner Haustür zur Rede gestellt. Noch am selben Tag kam er zurück, mit einem glasig, schuldbewussten Blick und den drei Kassetten in der Hand. Ab diesem Moment fürchtete ich nichts mehr, als Sonnenschein und Badewetter.
Nachdem ich mir alle Teile der Saga hintereinander reingezogen hatte, war ich glücklich, wie selten zuvor, aufgewühlt, benebelt, voller Abenteuerlust und Tatendrang, das Konzentrat aus Furcht und Hoffnung schien wie eine seltsame Energie, ja, wie die „Macht“ selbst meinen gesamten Körper zu durchströmen.
Doch noch während der Abspann rollte, wuchs in mir ein Gefühl, das mir bis dahin fremd war und das mich allmählich zu beunruhigen begann, weil es sich schleichend immer weiter ausbreitete und die gesamte Fülle an angestautem Glück und Lebenslust zu zersetzen versuchte. Der Tatendrang verwandelte sich in Nervosität, die Furcht und die Hoffnung wurden zu einem fahlen Trugbild und bald schon war in mir nichts mehr vorhanden als Leere und Einsamkeit.
Ich ging hinaus in den Garten und wusste nichts mit mir anzufangen.

Das war der Beginn eines Junkietums, das einen großen Teil meiner Kindheit beherrschen sollte. Ich schaute, wann immer ich konnte, am Nachmittag – meist bis meine Mutter mich aus dem Haus jagte – manchmal Schule schwänzend, manchmal sogar heimlich in der Nacht, den Ton auf lautlos.
Die Star-Wars-Saga war nur der Anfang und die allein habe ich vermutlich an die 80, 90 Mal gesehen, manchmal am Stück, manchmal tageweise hintereinander. Ich wollte nicht, dass diese Geschichten enden, weil ich mir sicher war, dass mein Leben niemals eine Geschichte dieser Intensität und Wichtigkeit werden würde, dass es so viel farbloser, unangenehmer und langweiliger war und weil die Enden dieser Geschichten, dieser Zustand verdienter Glückseligkeit seiner Helden, eine Ahnung in mir weckte, dass ich selbst diesen Zustand niemals erleben werde können, dieses Nirvana, diese vollkommene Harmonie unbedingter Richtigkeit.

Ich fühlte mich substanzlos, denn alles, was blieb, war der Point of No Return des Alltags, der dauernd wiederkehrende Moment, an dem es kein Zurück mehr gibt, der im Grunde jeder noch so kleinen Entscheidung innewohnt, doch niemals eine große Geschichte ins Rollen bringt, und von dem ich mir immer sicherer wurde, dass er nirgendwo hinführen würde. Denn manchmal, wenn ich einen richtig glücklichen fernsehfreien Tag verbrachte, an dem alles perfekt schien, bin ich am Abend im Bett gelegen und habe vergeblich auf das belohnende Ende gewartet, auf die unanfechtbare Wahrheit, die vollendete Ordnung, die niemals wieder aus dem Gleichgewicht geraten würde.
Das Aufwachen am nächsten Morgen war ernüchternd, der Point of No Return des Vortages hatte einen neuen Point of No Return auf den Plan gebracht und irgendwann hat die Vorstellung, dass das ganze Leben eine lange Kette von Points of No Return sein würde, die plötzlich einfach grundlos abreißen würde, mich derart beunruhigt, dass ich am liebsten gar keine Entscheidungen mehr getroffen hätte.

Natürlich habe auch ich die Droge VHS überlebt und wurde zu einem relativ durchschnittlichen Jugendlichen, dem Alkohol, Sex und Nikotin wichtiger waren, als Star Wars. Auch die Vorstellung von der Ende-der-Geschichte-Glückseligkeit ist einem Realismus gewichen, der Geschichten dieser Art als das zu nehmen versucht, was sie im besten Falle sind: spannend und unterhaltsam.
Das Entscheiden wurde zu einer schlichten, existentiellen Notwendigkeit. Dennoch, der kleine Rest einer Verunsicherung ist geblieben, der naive Wunsch, dass mein Leben – wenn ich nur irgendwann die richtige Entscheidung träfe – auch eine packende, bedeutende Geschichte werden könnte, und die deshalb jede meiner Entscheidungen ständig zu hinterfragen versucht.

Einer Theorie zufolge entwickelt sich das subjektive Erleben von Zeit proportional zur schon erlebten Zeit. Das heißt, einem fünfjährigen Menschen beispielsweise erscheint die Zeit gedehnter, als einem 35-jährigen. Da der Fünfjährige in Summe weniger Zeit erlebt hat und sein Erfahrungsschatz in Bezug auf die erlebte Zeit geringer ist, scheint ihm das gegenwärtige Verstreichen von Zeit langsamer als dem 35-Jährigen. Es findet also eine Verdichtung statt.
Ich habe das Gefühl, mit der Verunsicherung verhält es sich gegenteilig, denn mit jeder Verirrung wächst die Verworrenheit. Je mehr man erlebt und je mehr Entscheidungen man trifft, desto schwieriger wird es, sich zu entscheiden. Das Chaos wird von Mal zu Mal offenkundiger.
Doch in der Regel hört man nicht auf, sich zu entscheiden.
Was könnte man sonst tun.

 

Die Diagonale-Webnotizen wurden von 2010 bis 2015 von der BAWAG P.S.K. unterstützt.

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