Diagonale
Festival des österreichischen Films
28. März–2. April 2017, Graz

Diagonale-Webnotiz 2/2012

von Siegfried A. Fruhauf

 

Siegfried A. Fruhauf lebt und arbeitet als Filmemacher und bildender Künstler in Wien und Heiligenberg.

Kino-Tränen

Im Allgemeinen wird das Anfertigen von Filmaufnahmen als „Shooting“ bezeichnet. Diese Bezeichnung geht zurück auf die chronofotografische Flinte, eine Aufnahmetechnik des französischen Erfinders und Physiologen Étienne-Jules Marey, mit welcher er zu den Wegbereitern des Films zählt. Dass sich eine Handfeuerwaffe auch formal als probates Werkzeug eignet, macht Jean-Luc Godard deutlich, wenn er in Anlehnung an D. W. Griffith sagt: „All you need for a film is a girl and a gun.“ Eine im Film zugefügte Verletzung ist für jeden Menschen ganz selbstverständlich nicht real. Schmerzhafte Erfahrungen sind inszeniert. Eh klar. Geht einem das Geschehen dennoch (zu) nah, versucht man sich gewöhnlich mit dem Gedanken, es sei ja nur ein Film, zu beruhigen. Trotz der Bewusstheit über das Unwirkliche auf der Leinwand fließen beim Publikum im Kinosaal immer wieder echte Tränen. „Im Kino gewesen. Geweint.“ (Franz Kafka)

Diese Zeilen habe ich zu einer meiner filmischen Skizzen vor einiger Zeit notiert und mich jetzt wieder daran erinnert, da ich in der Diagonale-Webnotiz 1/2012 von Cornelia Schwaighofer das Zitat von einem Filmvorführer gelesen habe: „Ich weine auch nur im Kino – wie das echte Männer halt so tun“.

Meine Augen sind gerötet und etwas verschwollen. Leider keine Kino-Tränen, nur eine banale Erkältung. Ich kann dem Zustand, mit laufender Nase vor einem Laptop zu sitzen, wirklich keinen Genuss abringen. Aber mein kleines Leiden macht die Frage, was es mit dem Reiz am genussvollen Leiden im Kino auf sich haben könnte, dringlicher. Was machte es aus, dass selbst echte Männer wie Filmvorführer dort Rührung zeigen? Bei mir macht sich der Verdacht breit, dass unsere Empfindungswelt an das Kino angepasst wurde. Aus dem Leiden wird eine konsumierbare Empfindung. Bei einem Film mitleiden zu können bedeutet, sich einem Gefühl anzunähern, das man eigentlich nicht ertragen will. Die Filmindustrie macht sich das zunutze: Zum Zweck der Konsumsteigerung normt sie uns emotional.

Wenn das Mainstream-Kino ein geschlossenes Leidenschaftsregelwerk etabliert hat, scheint es unabdingbar, dass ein Kino existiert, welches den emotionalen Ereignishorizont weiter fasst, den Akt der Identifizierung übersteigt und das imaginäre Innere des filmischen Raums sprengt. Diese Filme sind auf der zweidimensionalen Leinwand eine Art Hologramm eines vieldimensionalen wahrnehmungsphysiologischen und psychischen Treibens. Im Bezug auf den Konstruktivismus hat es Marshall McLuhan als „eine Wiederentdeckung des ganzen menschlichen Sensoriums“ formuliert. Diese scheint mir auch im Bezug auf das Kino immer wieder notwendig zu sein.

Film bietet die Möglichkeit, Befindlichkeit in unendlich vielen Varianten zu vergegenwärtigen. Im Leiden verlagert sich das Sein in die reine Gegenwart. Der Zeit gesteht man, durch das Verblassen jener Gegenwart, eine Heilung aller Wunden zu. Im Bewusstsein der Veränderung eines Zustandes im Voranschreiten der Zeit – womöglich zum Besseren – offenbart sich ein Erlösungsgedanke. Und wenn es nur die Möglichkeit ist, wieder frei durch die Nase zu atmen. Als Filmemacher benutze ich die Zeit, um eine Form für das Licht auf der Leinwand zu finden. Vielleicht ist diese filmische Zeit in all ihren Facetten einfach so etwas wie ein wenig Balsam auf unsere kleinen mentalen Wunden. „Hustensaft für die Seele.“ (Anna Katharina Laggner)


 

Die Diagonale-Webnotizen wurden von 2010 bis 2015 von der BAWAG P.S.K. unterstützt.

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