Diagonale
Festival des österreichischen Films
28. März–2. April 2017, Graz

Diagonale Webnotiz 9/2012

von Christine Tragler

 

Christine Tragler ist Co-Redakteurin der Diagonale-Website und des Diagonale Festivalkatalogs.

Journal der Flüchtigkeit

Einen kurzen Moment Ruhe geben und die Gedankensplitter, die sich zufällig im Netz der Erinnerungen verfangen haben, aufschreiben, weiterspinnen. Ob im Schanigarten oder auf der Badewiese, auf dem Papier springen die Assoziationen über die Dächer, wirbeln durch die Luft. Schreibend, versuche ich sie wieder einzusammeln, neu zusammen zu setzen und bemerke dabei die Brüche, Lücken und Widersprüche, die Ungenauigkeit im eigenen (Nach-)Denken. Und dennoch mag ich es, meine Gedankenausflüge auf dem Papier zu „beschreiben“, verschwindende Erinnerungsbilder für mich allein in einem kleinen Notizbüchlein festzuhalten. Banales und Kostbares. Erlebtes und Imaginäres. Vergänglich und unvergesslich.

Und noch mehr liebe ich es ins Kino zu gehen. Flüchtig anmutende Augenblicke auf die Leinwand gebannt zu sehen. Im dunklen Kinosaal erschließt sich mir nicht weniger als die Welt – in ihrer Bewegung, ihrem Schein, ihrer Flüchtigkeit – und ich durchlebe Momente der unmittelbaren Ergriffenheit und des Glücks beim Betrachten der projizierten Bilder. Längst haben sich die Erinnerungsbilder in meinem Kopf vermischt und changieren zwischen persönlich Erlebtem und filmisch Vermitteltem – ich nenne sie alle mein eigen. Nicht, dass ich sie besitzen möchte, sie sind einfach Teil meines Bilderrepertoires geworden. Ja, ich habe sie mir „angeheftet“, lebe mit ihnen, denke in ihnen. Da gibt es diese undurchdringlichen, von mir geliebten Filmbilder, die mir – manche stechend klar, andere düster verhangen – für immer im Gedächtnis bleiben werden. Bilder, die, wie Elias Canetti es beschrieben hat, als „Netze“ fungieren: Man wirft sie aus, schöpft aus dem, was sich in ihnen verfangen hat. Ich ziehe sie an Land, manches taucht wieder auf, anderes ist verloren gegangen.

„Die Gedanken an Glücksmöglichkeiten wachsen bis heute im Kino.“ (Ilse Aichinger)

Dann habe ich dieses Buch von Ilse Aichinger gefunden, das Film und Erinnerung, Leben und Kinoerleben eins werden lässt. Es heißt „Film und Verhängnis“, der Untertitel: „Blitzlichter auf ein Leben“. Ilse Aichinger verknüpft darin die Kinogeschichte des 20. Jahrhunderts mit ihrer Familiengeschichte und gewährt Einblicke in ihre Betrachtungen, ihre Gedanken- und Bilderwelten. Konkrete Erinnerungen montiert sie klar ineinander, autobiografische Momente, knapp notierte Szenen aus ihrem Leben, stellt sie zusammen mit Filmbildern aus ihrer Zeit. Seit ihrer Jugend ist sie leidenschaftliche Kinogängerin. Das ist sie bis heute geblieben. In ihren ausgiebigen Kinobesuchen sieht sich die Schriftstellerin nicht selten auch Filme wiederholte Male oder mehrere nacheinander an.

Blitzlichtaufnahmen aus einem Leben. Ilse Aichinger erinnert sich an die Kinolandschaft im Wien der 1930er und 1940er Jahre. 1935 zählte die Stadt mehr als 170 Kinos. Damals verbrachte sie viel Zeit im Fasankino, ihren ersten Tonfilm sah sie im Sascha-Palast, auf dem Gelände der k.u.k Hofreitschule. Bestimmende und gewichtige Momente erlebte sie im Kino. Bei Kriegsausbruch 1939 war sie in einer Filmvorführung. Am Abend bevor ihre Zwillingsschwester mit einem Kindertransport nach Großbritannien flüchten konnte, gingen sie gemeinsam ins Kino. 1942 wurden ihre jüdische Großmutter und die Geschwister der Mutter von den Nationalsozialisten über die Schwedenbrücke aus Wien nach Maly Trostinec in der Nähe von Minsk deportiert und dort ermordet. Aichinger erinnert sich, dass sie Monate später von der Kinokassiererin angesprochen wurde, ob sie auch wisse, was mit ihren verschleppten Angehörigen geschehen sei. Sie selbst musste mit ihrer Mutter in eine ihnen zugewiesene Wohnung neben das Gestapo-Hauptquartier am Morzinplatz ziehen. „Man überlebt nicht alles, was man überlebt“, schrieb sie später. In diesen Jahren bot ihr nur noch die Welt des Kinos eine temporäre Zufluchtsstätte. In „Film und Verhängnis“ schreibt sie: „Im Kino wird das Verschwinden geübt. Die Filmlandschaft ist zugleich Zuflucht und Ort der Distanz zur eigenen Person, der Trennung von ihr.“

Stunden im Kino. Ewige Filmaugenblicke und Reflexionen über Bewegt- und Standbilder verdichten sich zu einem „Journal des Verschwindens“ – einer Reihe von Feuilletons, die Aichinger zwischen 2000 und 2001 für die Tageszeitung Der Standard geschrieben hat. „Erinnerung begreift sich nicht zu Ende“, schreibt sie darin. Mit der Erinnerung sei es wie mit Jean-Luc Godards verschwenderischer Bildökonomie: So wie er in seinen Filmen Gedanken untergehen lässt, um sie in neuen Bildern wieder auftauchen zu lassen, kommt auch die Erinnerung immer wieder zurück. Und: „Die Welt verlangt danach, gekontert zu werden“, erklärt sie in einem Gespräch mit Brita Steinwendtner. Nichts so hinnehmen, wie es ist, denn es könnte alles ganz anders sein. Konventionen untergraben. „Es muss gar nichts bleiben“, sagt Aichinger.

Endlich regnet es. Ich betrachte die Tropfen, beobachte Details, widme mich wieder dem Schreiben. Ich versuche jetzt genau zu sein, genau hinzusehen, genau zu „beschreiben“. In meinem Kopf sind Bilder aus Filmen, Erinnerungen, die diesmal ausschließlich auf sich selbst verweisen. Widersprüche nehmen Platz an meinem Tisch. Ich will ins Kino.

Die Diagonale-Webnotizen wurden von 2010 bis 2015 von der BAWAG P.S.K. unterstützt.

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