Diagonale
Festival des österreichischen Films
28. März–2. April 2017, Graz

Diagonale-Webnotiz 3/2012

von Michael Baute

 

Michael Baute ist Autor und Medienarbeiter in Berlin. Er veröffentlicht u.a. bei newfilmkritik.de und ist beteiligt an kunst-der-vermittlung.de

http://kunst-der-vermittlung.de

Etwas über unerwartetes Singen in Filmen

Seit ein paar Jahren sammle ich Filmszenen, in denen plötzlich und unerwartet gesungen wird. Das heißt: Eigentlich sammle ich sie nicht, eher finde ich sie, denn zielgerichtet kann man nicht nach ihnen suchen. Inzwischen habe ich etwas mehr als 50 solcher Momente in digitalen Laufbildern auf meinem Computer gespeichert. Ich kann gar nicht sagen, welche meine Lieblingsszenen mit überraschendem Singen sind, denn das wechselt.

Eine ist sicher die mit der umwerfenden Jean Arthur, schon ihr Sprechen ist ja wie ein Singen. In Frank Capras Mr. Deeds Goes To Town (1936) sitzt sie mit Gary Cooper nachts im Großstadtpark und tauscht Kleinstadterinnerungen mit ihm. Dann stimmt sie aus heiterem Himmel Stephen Fosters „Swanee River“ an, von sich selbst begleitet an der Trommel, die zuvor nur der nun blechern klingende Mülleimer neben der Parkbank war:
Way down upon de Swanee river,
Far, far away,
Dere’s wha my heart is turning ever,
Dere’s wha de old folks stay.

Oder die Szene in der Bar, in der Will Ferrel und Mark Wahlberg sitzen, in Adam McKays Polizistenfilmparodie The Other Guys (2010). Sie sitzen an der Theke und rekapitulieren ihre Ermittlungsergebnisse, vor ihnen stehen große Pints mit schwarzem Guiness Bier und weißem Schaum, hinter ihnen ein irischer Freizeit-Chor mit alten Männern. Und mittendrin im Gespräch über die Verbrechen und ihre Aufklärung sagt Ferrel zu Wahlberg: „Hold on, I‘m up“, dreht sich zum Chor und singt, bevor die anderen dann den Refrain aufnehmen, die Strophe:
I gave my love to Erin,
She promised to be true.
I went to war to come back and find five British soldiers
Had their way with her.
It was consensual.

Im DVD-Audiokommentar von Rambling Rose (1991) erzählt Martha Coolidge, die Regisseurin dieser Südstaatengeschichte, wie Robert Duvall, der da einen strengen Patriarchen spielt, in die Szene am Abend im Bett mit Diane Ladd durch Rollenimprovisation ein Singen in den Film hineinbrachte, das so nicht im Drehbuch stand. Duvall ist in der Szene noch aufgeregt über seine Tochter, von Laura Dern gespielt, und erzürnt, weil sie allen den Kopf verdreht mit ihren aufreizenden Kleidern. Diane Ladd, die übrigens Laura Derns leibliche Mutter ist, hat ihn aber schon bald soweit beschwichtigt, dass er sich an seine eigene Sexualität erinnert und die Ladd in den Arm nimmt und ihr gehaucht die ersten Zeilen von „Beautiful Dreamer“ singt:
Beautiful dreamer, wake unto me,
Starlight and dewdrops are waiting for thee…
Danach knuddeln sie und der Film blendet ab.

Bewusst geschah mir unerwartetes Singen in Filmen das erste Mal um 1995. Das war in Vitali Kanevskys Dokumentarfilm über Straßenkinder in St. Petersburg, Wir, Kinder des 20. Jahrhunderts, eine französisch-russische Produktion. In dem Film geht es um Kinder, die in den prekären Verhältnissen der zusammengebrochenen Sowjetunion obdachlos, drogenabhängig und kriminell geworden sind. Darüber verzweifelt will ihnen Kanevsky Verstehen von Zivilgesellschaftlichkeit einbläuen und geht dabei oft sehr ruppig vor. Doch nach jedem der hart rannehmenden Interviews mit den Kindern wird in dem Film die Gewaltigkeit des Unternehmens für ein paar Momente suspendiert. Das geschieht durch das Singen, das in den Film injiziert ist, wenn nach den Strapazen des Auskunftverlangens und -Gebens Regisseur und Kinder gemeinsam russische Lieder anstimmen. Mich verblüffte dieses unerwartete Singen, das so daher kam, als sei es die natürlichste Sache der Welt, wiewohl niemand in dem Film darauf vorbereitet schien, weder die überrumpelten Kinder, die die ihnen gestellte Aufgabe mehr schlecht als recht bewältigten, noch ich als Zuschauer.
Als ich darüber nachdachte, fiel mir auf, dass „einfach so singen“ in Filmen selten vorkommt. Die Lizenz zum Singen stiften im Kino meist Erzählrahmen, die sich entweder von den Sujets herleiten (Geschichten, die von Musiker/innen handeln) oder vom Genre.

In Babes on Broadway von Busby Berkeley, den MGM 1941 herausbrachte, wird diese Lizenz fürs Musical einmal hergeleitet. Mickey Rooney fragt July Garland da, ob sie ihm ein Lied singen möge.
Sie: „How do you know I sing?“
Er: „You sing when you talk, and you dance when you walk, and when I look in your eyes, I see a song.”
So versteht sich ein Kino, dem das Singen Selbstverständlichkeit ist.

Das Kino, dem das nicht selbstverständlich ist, sollte davon lernen. Ich glaube inzwischen, dass unerwartetes Singen Filmen auf eine paradoxe Weise einen Raum zwischen Künstlichkeit und Lebendigkeit eröffnet. Lebendigkeit, weil das Singen als „echte“ Ganzkörperleistung in die Künstlichkeit der Verhältnisse eines Spielfilms einzubrechen vermag; Künstlichkeit, weil Lieder eine artifizielle und codierte Form des Ausdrucks sind, die sich vom vorherrschenden naturalistischen Schau- und Darstellen wohltuend unterscheiden.

Das Kino müsste sich dieser Möglichkeit des Ausdrucks öfter erinnern.

 

 

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