Diagonale
Festival des österreichischen Films
13.–18. März 2018, Graz

Diagonale-Webnotiz 4/2012

von Kurdwin Ayub

 

Kurdwin Ayub lebt, studiert und arbeitet in Wien. Bei der Diagonale 2012 werden zwei Kurzfilme von ihr präsentiert: Adele1 und Katzenjammer.

Reh mit großen Augen aus Plüsch

Ehrlich gesagt sehe ich nicht sehr viele österreichische Filme. Als ich ein kleines Mädchen war, mochte ich ziemlich gerne Superheldenfilme und stellte mir gerne vor, ein cooles Mädchen zu sein, das insgeheim mit ihren Superhelden-Freunden immer wieder auf coole Missionen geht. Ich hatte in meiner Vorstellung fast weiße, kinnlange Haare, eine spitze Nase und hellblaue Augen, wegen dem Gasunfall nämlich. Ich hab ausgesehen wie ein finnländisches Mädchen in meinen Tagträumen, dabei war ich eigentlich ein etwas gelbes Mädchen mit Augenbrauen, die dichter waren, als die von Benicio del Toro.

Vor zwei Jahren war ich das erste Mal bei der Diagonale, wie gesagt so viele österreichische Filme kannte ich nicht, aber ich freute mich schon. Es waren ziemlich coole Filme dabei und manche davon inspirieren mich noch heute. Allerdings konnte ich bei weitem nicht alle sehen, weil es ja auch so viele gab. Nicht im positiven oder negativen Sinn, ich war überwältigt. Das hat mich überfordert. Mich hat der A1-Ton am Anfang jedes Filmes so fertig gemacht, die Leute um mich herum rochen komisch, weil sie von einem Kino ins nächste gegangen sind und nichts anderes taten. Die Leute, mit denen ich von der Uni aus hingegangen bin, haben sich Zeitpläne aufgestellt, welche Filme sie jeden Tag sehen wollen. Vier Filme am Tag, das war mir echt zuviel. Wenn ich einen Film sehe, kann es nämlich passieren, dass ich drinnen hängen bleibe und dieses Risiko darf ich nicht so oft eingehen. Das ist wirklich blöd, ich hänge dann ein paar Tage in so einem Film, manchmal sogar Wochen! Die Geschichte geht mir nach, momentan rennt mir Ryan Gosling andauernd nach. Er will mit mir einen Ausflug machen. So viel auf einmal geht einfach nicht. Also habe ich das Problem gelöst, indem ich an den Fluss in Graz gegangen bin und mich dort hingesetzt habe. Im Grazer Zentrum gibt es so Essensstände und da gibt es einen Stand, der macht den besten Cheeseburger der Welt. Jeden Tag hab ich ein bis zwei Burger gegessen, einfach weil ich in Wien dann keinen mehr bekomme!

Aber zurück zum Kino. Mich hat das alles so fertig gemacht, dass ich zwei Monate danach nicht mehr in ein Kino konnte, weil mich dieser abgestandene Popcorn-Geruch wahnsinnig gemacht hat und ich ihn nicht mehr riechen wollte. Dazu kommt, dass ich mich dann total klein fühle und unwichtig und unbesonders, halt alle Selbstmitleidsklischees von Mädchen erfülle. Es ist halt leichter sich hinter blödem Witz, Abstand und naiver Leichtigkeit zu verstecken als aufzufallen und preiszugeben, dass man keine Ahnung hat, wo man da hindriftet und was man da eigentlich macht. Wie bei Gesprächen nach Screenings von ein paar Kurzfilmen zum Beispiel. Ist halt voll schwer neben einem bekannten Regisseur zu stehen, der jahrelang großartige Kurzfilme gedreht hat, und dann etwas Sinnvolles zu sagen, um nicht als blödes Ding rüberzukommen. Ja, es ist viel leichter, dann einen sexistischen Kommentar abzugeben. Dann lachen alle, ich schmunzle, ein Hit. Der Regisseur neben mir lacht auch ein bisschen und dann geh ich und setze mich hin. Weiß ja niemand, dass ich vor diesem Kinogespräch im Sitz Krampfanfälle und Schweißausbrüche bekomme. Meine Mama hat mal gesagt, dass ich wie ein naives Mädchen rüberkomme, aber dass das okay ist, weil ich ja so jung bin und keine Ahnung hab’, was das alles ist. Na ja.

Im Normalfall nehme ich bei solchen Screenings immer viele Leute, die mich kennen, mit. Nicht, weil ich denen meine Filme zeigen will, die kennen sie ja schon. Immer wenn ich ihnen persönlich einen Kurzfilm von mir zeige, sagen sie: „Interessant. Arg, dass sowas ins Kino kommt.“, Andere fragen dann: „Du machst Filme?“ Wie auch immer, die sitzen im Kino und lachen bei den richtigen Stellen und applaudieren auch. Die animieren den Rest des Publikums, so kann es nämlich nicht zu stillen Momenten kommen, die echt peinlich sind, weil man weiß, das sollte jetzt witzig sein aber niemand lacht.

Ja, ich bekomme jetzt schon Schweißausbrüche, wenn ich daran denke, dass ich in ein paar Tagen zwei Filme bei der Diagonale vorstellen darf und dann darüber reden werde. Es ist schon ein Nervenkitzel und cool irgendwie, aber ich stehe trotzdem in der Nacht zwei Mal auf, nicht nur um zu sehen, ob die Katze das Klo gefunden hat, weil sie dieser Tage ein paar Probleme hat. Ich stehe auf, weil etwas auf meinen Magen drückt. Total unbewusst. Es zerquetscht meine Organe und auch atmen ist so schwer. Das ist doch komisch?

Aber wenigstens ist das alles auf Deutsch und Leute, die ich kenne, kommen zu meinen Filmen, auch in Graz dann. Anders wird es, wenn ich in einem Monat nach Nashville in die USA fliege und ganz alleine bin (ich spür’s schon wieder, es drückt). In einem Staat, der George Bush haushoch gewählt hat – und ich als Irakerin werde einen Film präsentieren, wo ein singender Penis seine tanzenden Vaginas frisst. Und ich kann noch nicht mal Englisch! Ich hab auch irrsinnige Flugangst. Ich fliege viel, aber nicht, dass das besser wird, es wird immer heftiger. Eine Schlaftablette und zwei Beruhigungstabletten – bei einem Kampfgewicht von 48 Kilo – später sitze ich noch immer wie ein verschrecktes Reh, das von den Lichtern eines Autos überrascht wird, bevor es über den Haufen gefahren wird, mit aufgerissenen Augen in dem Sitz eines riesen Flugzeuges und gehe alle schönen Erinnerungen mit meinem Freund durch, der erste Kuss, die erste Begegnung und das erste Mal zu einem Lied von Sido. Aber das ist eine andere Baustelle.

Zurück zur Diagonale vor zwei Jahren. Das Faszinierende war, kaum war ich von der Diagonale zurück in Wien, wollte ich wieder hin. Das ganze Jahr freue ich mich immer auf die Diagonale. Und das Beste ist, dass meine Eltern bis heute noch glauben, dass die Diagonale ein Seminar von der Uni ist, weil sie keine Ahnung haben, was Kultur und so ist. Sie erfüllen wiederum das Klischee des Immigranten.

Letztes Jahr war es dann wärmer während der Diagonale und ich hab mich total gefreut auf alles. Aber ich konnte nicht mehr zum Fluss, weil mehrere Leute dort waren, um die Sonne zu genießen. Deswegen bin ich auf den See gefahren. Da gibt es nämlich einen netten See in der Nähe von Graz.

Ich freue mich wieder auf die Diagonale, es gibt auch immer Hefte und Notizblöcke und Stifte. Jedes Jahr habe ich auf den roten Notizblock, wo fett „Diagonale“ steht, etwas stattdessen davor geschrieben. Also genau gesagt, das Ende mit „NALE“ hab ich gelassen und mir was Eigenes erfunden, das ich vor die vier Buchstaben geschrieben habe. Einmal war es „Kurdwinale“ und dann „Vaginale“, was auch der Titel zu einer meiner Kurzfilmreihen geworden ist. Dieses Jahr weiß ich nicht, ich dachte an „Anale“, aber das war mir dann zu ekelhaft. Ja.

 

Die Diagonale-Webnotizen wurden von 2010 bis 2015 von der BAWAG P.S.K. unterstützt.

Der Standard ist Medienpartner der Diagonale-Webnotizen.