Diagonale
Festival des österreichischen Films
13.–18. März 2018, Graz

Diagonale-Webnotiz 9/2011

von Nikolaus Eckhard

 

lebt, arbeitet und studiert in Wien, derzeit Filmstudium an der Akademie der bildenden Künste und Soziologiestudium an der Universität Wien. Mitglied der Ölfilmproductions.

Filmvermittlung

Zu meiner freudigen Überraschung wird einem meiner Filme (6 min/stumm/nur eine Einstellung) eine gute Eignung in Filmvermittlungsprogrammen zugesprochen. Über die generelle Absicht derartiger Programme kann ich nur mutmaßen. Meiner bisherigen Erfahrung nach geht es darum, Schulklassen aller Altersstufen ins Kino zu locken, um ihnen mithilfe eines/einer motivierten Moderator/in und eines kuratierten Programms Charakteristika des Mediums Film näher zu bringen, Artikulationsmöglichkeiten bezüglich Film zu stärken, vor allem aber den Schüler/innen generell Lust auf Kino zu machen.

Die gängige Meinung, dass eine gute Kinopräsentation mitunter durch aufmerksame Stille aus den Publikumsreihen geprägt ist, erfährt in Schulveranstaltungen eine lautstarke Revision. Hier tritt das Kino als viel zitierter Echoraum der eigenen Sinne zurück, um stattdessen den dem Raum eigenen sozialen Komponenten Bedeutung und Stimmen zu verleihen. Die Filme werden nicht alleine in den ihnen folgenden moderierten Gesprächen diskutiert, sondern ansatzweise schon während der Projektion. Dass man als Gast derartiger Vorführungen des eigenen Films nicht ausschließlich entzückt ist, sollte nachvollziehbar sein. Einerseits freue ich mich über die plötzliche Freiheit der Schüler/innen, die sie sonst weder im Klassenzimmer noch in anderen Kinos erleben, anderseits ist die Unmittelbarkeit und Härte, mit der sie über meine Arbeit urteilen, nicht immer ganz leicht zu tragen.

Rückblickend auf die vielen Schuljahre, die ich irgendwann absolviert habe, waren die schönsten Schulstunden jene im Kino. Einmal pro Jahr nahm es die Lehrer/innenschaft des Kleinstadtgymnasiums auf sich, Scharen von vorfreudig grölenden Schüler/innen ins 10 Gehminuten entfernte Kino zu führen. Was wir dort erlebten, war zwar keine Filmvermittlung, aber zumindest Film. Die Kinofreuden, die mir dort zuteil wurden, waren jedoch keinesfalls der Qualität der Filme geschuldet. Statt des Kinoerlebnisses war es vielmehr das „Kinoraum-Erlebnis“, das mich beglückte: die architektonisch bedingte Dehierarchisierung, die unsere Lehrer/innen samt ihrer mahnenden Blicke ins anonyme Schwarz der Sitzreihen zwang; die sich langsam einstellende Dunkelheit und die ihr dynamisch folgende Änderung der Geräuschkulisse: von einer seltsam intimen Stille bis zum ersten Seufzen nach Filmstart und akustischen „Gepose“ einzelner Jugendlicher samt des darauf folgenden Gelächters.

Seit ich von der Existenz von Filmvermittlung weiß, stellt sich mir die Frage, wie es ihr gelingen kann, neben derartigen „Kinoraum-Erlebnissen“ auch profundere Aspekte des Mediums zu erläutern, ohne den Schüler/innen dabei den Spaß an Film zu verderben. Verschärft wird diese Schwierigkeit vermutlich, wenn das Programm auch Experimentalfilme wie den meinigen enthält.

Seit mein Film für Vermittlungsversuche verwendet wird, bin ich bemüht, den Veranstaltungen als Gast beiwohnen zu können. Mittlerweile gehören Filmvermittlungsprogramme zu den Events, die mir als Filmemacher am meisten Spaß bereiten.

So ambivalent es auch sein mag, den eigenen Film gemeinsam mit dutzenden Schüler/innen zu erleben, so erfrischend ist meist das darauf folgende, moderierte Publikumsgespräch. Wer die häufig langweiligen Gespräche bei Filmfestivals gewohnt ist, findet in jenen von Vermittlungsprogrammen herrliche Abwechslung. Tendenzielle Höflichkeit und Zurückhaltung macht Direktheit, Lautstärke und Ehrlichkeit Platz. Es verdankt sich häufig dem Geschick des/der Moderator/in, auch die schüchternen Schulklassen aus der Reserve zu holen, dann ist es aber stets lustig: empörte Vorwürfe rotziger Jugendlicher, übertriebene Interessensbekundungen vereinzelter Streber/innen, manchmal schlaue Schmähs der Klassenrebell/innen und intelligente Fragen der deklariert Kunstinteressierten.

Häufig erfahren Schüler/innen erst im Zuge von Filmvermittlung, dass es so etwas wie Experimentalfilm überhaupt gibt; die Reaktionen auf diese Entdeckung sind tendenziell von Unverständnis geprägt, wie man denn darauf kommt. Meistens erzähle ich dann von meinen Anfängen mit Film: als Volkschüler, der gemeinsam mit drei Freunden vor der väterlichen Urlaubskamera Godzilla-Plastikpuppen in Spirituslacken zu Klumpen schmilzt; oder davon, dass sich im Haus meiner Eltern immer noch zahlreiche Ecken finden, in denen Reste von den vielen Litern Kunstblut kleben, die wir im Laufe der Jahre vor der Kamera vergossen haben. Die Reaktionen auf diese Geschichten lassen mich vermuten, dass hier der Höhepunkt meiner Möglichkeiten liegt, filmvermittelnd tätig zu sein. Selbst jene, die mir gerade noch vorgeworfen hatten, mein Film bereite ihnen Übelkeit und Kopfweh, wirken dann plötzlich versöhnlicher – als würden sie es mir gönnen, dass ich Spaß daran habe Filme zu machen; auch wenn es nur Experimentalfilme sind.

 

Die Diagonale-Webnotizen wurden von 2010 bis 2015 von der BAWAG P.S.K. unterstützt.

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