Diagonale
Festival des österreichischen Films
28. März–2. April 2017, Graz

Diagonale-Webnotiz 7/2011

von Eva Testor

 

ist Kamerafrau; (Drehbuch)Autorin und Produzentin (Mobilefilm). Sie lebt und arbeitet in Wien.

eine kurze plakatgeschichte

in der einen hand den plastikkübel gefüllt mit wabbeligem kleister, unter dem arm mein letztes zusammengerolltes A2 plakat, die andere hand zum schutz vor der eisigen kälte in die jackentasche gesteckt, ging ich durch die schlecht beleuchtete mondscheingasse in wien. die wollmütze tief in das gesicht gezogen, über dem anorak ein grauer staubmantel mit gefrorenen kleisterecken und enden, ein arbeitskittel sozusagen. die vergangenen drei wochen war ich so durch die gassen gezogen, diese nacht war die letzte, auf der suche nach guten möglichkeiten, nach freien stellen in der öffentlichkeit, um das filmplakat wild zu plakatieren. ein kinostart, der erste kinostart, mein lieblingsregisseur, mein lieblingsfilm, meine kameraarbeit.

scheiben aufgelassener geschäftslokale, e-werkkästen, baustellengitter waren die üblichen untergrunde. die chance länger als eine nacht zu hängen, war sehr gering, andere wildplakatierer suchten die selben stellen auf, eine lebendige unsichtbare szene, ein ständiges kleben und überkleben – es hängt, es hängt nicht, es ist da, es ist nicht da.

am siebensternplatz an der tramwayhaltestelle mit wartehäuschen, in dem vermummte gestalten auf die nächste straßenbahn warteten, fand ich an einem e-werkkasten einen geeigneten platz. ich stellte den kübel ab, legte die rolle auf den boden, nahm mit meinen klammen fingern den tapeziererpinsel in die hand und rührte die zähe flüssigkeit kräftig um, dann nahm ich vorsichtig das plakat und rollte es auf. mit der einen hand klatschte ich den kleister auf den untergrund (eine symphoniekonzertankündigung) und fast synchron dazu das plakat, je schneller desto besser, war die erfahrung der letzten kalten nächte, um ein einfrieren des klebstoffs zu verhindern – patsch, es hängt, es ist da, dachte ich mir. mit der flachen hand strich ich langsam abschließend ein paar mal über das papier, um die letzen unebenheiten zu glätten, strich über das bild des küssenden paares, sie haben die augen geschlossen. ein bild meines blickes auf die inszenierung einer geschichte, ein blickbild das ich jetzt mit der welt teilen werde, ein verewigter augenblick einer vierundzwanzigstel sekunde.

es ist gut so, dachte ich mir, nahm den kübel und drehte mich um, erschrak ein wenig über den unbekannten mann, der unbemerkt hinter mir stand und das plakat betrachtete. „wer soll das lesen können … die schrift ist ja spiegelverkehrt“, sagte er.

„und was steht drauf“, fragte ich.
er: thcan eid hcrud tfnukuz gnuthcir
ich: na, geht doch … deine straßenbahn kommt.
er: … ich fahr lieber mit der nächsten.
eine sekunde der ratlosigkeit legte sich auf den gefrorenen schnee am asphalt, ich stellte meinen kübel samt pinsel ab.

nach einer kurzen plauderei über die kälte, plakate und den film im allgemeinen werden sie beschließen, der temperatur wegen und überhaupt, ein lokal aufzusuchen, um die anregende konversation fortsetzen zu können. gemeinsam werden sie dann die kirchengasse bergab richtung burggasse schlendern, um das lokal am eck, das schon von weitem sichtbar sein wird, aufzusuchen. auf dem weg dorthin, wird sie sich von ihrer arbeitskleidung befreien, den halbgefrorenen kleistermantel in hohem bogen übermütig auf die straße werfen.

sie werden sich an den runden tisch in der mitte des raumes setzen, sie mit dem rücken zur tür, er wird sich nach kurzem zögern doch neben sie setzen und nicht ihr gegenüber, sie wird sich über die wohlige wärme im lokal freuen und einen heißen glühwein bestellen. er wird einen rotwein trinken, einen heideboden vom heinrich und wird sie nach der geschichte des films fragen und sie wird sie ihm erzählen. er wird aber nicht viel verstehen, weil er ihre augen beobachten wird und ihre hände beim sprechen. sie wird das spüren und eine merkbare anziehungskraft wird sich zwischen ihnen ausbreiten, diese wird mit einer synchronität ihrer körperhaltungen beginnen. sie wird ihn am ende der geschichte überraschenderweise küssen, er wird den kuss erwidern, beide werden die augen schließen.

wenn sie das lokal verlassen haben werden, wird es bereits frühling sein, oder sommer oder gar herbst.

 

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