Diagonale
Festival des österreichischen Films
28. März–2. April 2017, Graz

Diagonale-Webnotiz 6/2011

von Nina Bedlivy

 

lebt als freie Film- und Musikjournalistin in Graz.

Kreativität ist Überleben. Im Gespräch mit Elfi Mikesch.

Graz, März 2011. Es ist beinahe schon zu einfach. Wie auf einem Silbertablett werden mir sämtliche Komponenten, die man für ein gutes, eindrucksvolles Gespräch braucht, dicht beieinander vor die journalistische Nase gesetzt. Da ist einerseits das Diagonale-Programm mit einem mehr als fälligen Frauenschwerpunkt und darüber hinaus einem zu, für, von und mit Filmemacherin Elfi Mikesch. Und da ist andererseits ebendiese, die an einem späten Festivalnachmittag eine kleine Verschnaufpause im Foyer des Grazer Schubertkinos einlegt. Den energischen Worten meiner inneren Stimme folgend nähere ich mich und erbitte ein Interview. Gut so. Denn eine solche Chance ungenutzt zu lassen – das wäre fast schon kriminell.

Zum Termin am nächsten Tag erscheint die kleine, zarte Frau Anfang 70, die laut eigener Aussage bewusst kein Handy besitzt, ausgestattet mit entwaffnender Freundlichkeit, wissendem Blick und, wie sich alsbald herausstellen soll, jeder Menge Meinung. Zur fortschreitenden Beschleunigung des Lebens zum Beispiel:

Obwohl wir in der heutigen Zeit so viele Maschinen haben, die uns eigentlich unterstützen sollten, ist immer weniger Zeit da, um beispielsweise nachzudenken und sich zu fragen, „Was mach’ ich denn hier eigentlich?“ Und das betrifft Frauen wie Männer gleichermaßen. Deshalb gibt es in den Filmen, die ich mache, auch immer die Betonung auf die Langsamkeit und die Besinnung. Aus diesem Grund sind sie in gewisser Weise auch ungewöhnlich, denn heute wird alles zerhackt und beschleunigt, alles hat diesen „Speed“. Ich habe nichts gegen Geschwindigkeit, aber wenn ich sehe, mit was für einer Beschleunigung wir konfrontiert sind, stellt sich die Frage, was das bedeutet und wer das mit uns macht. Und die Frauen leiden besonders darunter, denn sie haben oft eine Doppelbelastung und müssen vielschichtig denken, denn ihnen bleibt es überlassen, das zu organisieren.

Bleiben wir gleich beim Thema. Während des Gesprächs zieht Elfi Mikesch zwei der Diagonale-Bierdeckel aus der Tasche, die mittels statistischer Beispiele die nach wie vor weit geöffnete Verdienst- und auch Machtschere zwischen Frauen und Männern in der Filmbranche aufzeigen. Hübsch bunt gestaltet, aber eigentlich ziemlich deprimierend. Weil die Fakten mitsamt ihrer Absurdität schlichtweg zum Heulen sind. Weil wir im 21. Jahrhundert leben. Weil sie längst nicht nur für die Filmwelt gelten. Weil das alles ein Witz ist. Weil sich so schnell wahrscheinlich nichts ändert. Weil – im Gegenteil – diese verdammte Frauenbenachteiligung immer salonfähiger zu werden scheint. Weil es mit der Zeit ermüdet, immer wieder dieselben schwachsinnigen Argumente pro diesen Zustand zu hören. Und weil man, wenn man sich darüber aufregt, recht flott den Terminus „FeministIn“ aufgedrückt bekommt, der in weiten (weiblichen wie männlichen) gesellschaftlichen Kreisen viel mehr als verächtliches Schmähwort denn als Anerkennung oder gar Kompliment verstanden und gebraucht wird.

Es muss immer gerungen werden, denn es ist noch immer ein großes, breites Feld, wo noch nichts passiert ist, oder auch viel wieder vergessen wurde. Deshalb ist die Betonung darauf sehr wichtig, dass da seitens der Frauen ein großes Potential ist. Es fängt doch schon damit an, dass es nach wie vor so wenig gleichgestellte Bezahlung gibt.

Jetzt wäre es, denke ich bei mir, richtig schön und aufmunternd, an dieser Stelle von einer Frau, die seit den frühen 1970er Jahren aktiv beim Film tätig ist, so etwas zu hören wie „Aber damals war natürlich alles noch viel schlimmer und es sind in den letzten 50 Jahren unfassbare Fortschritte geschehen, Sie werden sehen, da ist bald alles in Ordnung!“ Aber naja. Geht natürlich nicht. Sie ist ja schließlich keine Lügnerin.

Die Diskussion war schon vor 35 Jahren hochaktuell und es ist noch immer nicht passiert, dass bei der Bezahlung von weiblicher und männlicher Leistung in denselben Positionen dieselbe Ebene selbstverständlich ist. Da frage ich mich, was soll denn das? Die jungen Frauen müssen das betonen, müssen auf die Barrikaden gehen und dürfen sich das nicht bieten lassen. Und von den Männern wünsche ich mir, dass sie sich selbst fragen, warum das eigentlich nach wie vor so eine seltsame Selbstverständlichkeit ist, diese Unterschiede über all die Jahre immer noch aufrecht zu erhalten. Aber es kann eine neue Diskussion entfacht werden, und das ist in meinen Augen das Wichtigste. Und dass vor allem die jungen Frauen diskutieren. Unlängst war ja in Wien auch eine Demonstration, bei der sich 5.000 Frauen zu Wort gemeldet und Punkte aufgezeigt haben, die wichtig sind, diskutiert zu werden. Das ist eine sehr wichtige Erscheinung.

Stundenlang könnten wir so weitermachen. Uns über die missliche Lage der Frau auf dieser Welt austauschen. Aber eigentlich sind wir da ohnehin einer Meinung. Und außerdem wäre es nicht fair, Elfi Mikesch auf ihr Frausein zu reduzieren. Da ist nämlich auch noch die Person, die Filme macht. Und weil das ja ebenso gut zur Diagonale 2011 gehört, kommen wir auf ihre berufliche Tätigkeit zu sprechen, die sie auf keinen Fall klar kategorisiert oder definiert sehen will – nicht einmal als Beruf. Denn alles, was vor, mit und hinter der Kamera passiert, muss auch einen persönlichen Wert haben.

Es sind die Menschen, die mich beeindrucken durch das, was sie tun, besonders wenn ihre Lebensbedingungen schwierig sind. Mich beeindruckt, wie sich die Kreativität dieser Menschen entfaltet, denn Kreativität ist Überleben. Bei jedem Menschen. Und wenn sie an den Rand der Gesellschaft gedrückt oder ignoriert werden, oder wenn alte Menschen, die sich nicht mehr wehren können, irgendwo abgestellt werden, dann stellt sich die Frage, was das insgesamt für die Gesellschaft bedeutet, für die Betroffenen und für die, die wegschauen. Deshalb wende ich mich diesen Themen zu, da spüre ich das starke Bedürfnis, diese Dinge zu hinterfragen. Und ich habe dadurch viele interessante, schöne und bewegende Erlebnisse. Bei meiner Kameraarbeit für Dokumentarfilme ist es so, dass ich drehe und nach zehn Minuten öffnet sich dieser Mensch und sein Gesicht verändert sich. Und in dem Moment beginnt diese Resonanz zwischen dem Menschen vor der Kamera und dem dahinter. Das ist tatsächlich ein magischer Moment. Dieses Berühren nur durch die Augen, bei dem Emotionen entstehen. Das ist wie Atmen, das brauchen wir zum Überleben.

Wie gesagt. Bemerkenswert.

 

Die Diagonale-Webnotizen wurden von 2010 bis 2015 von der BAWAG P.S.K. unterstützt.

Der Standard ist Medienpartner der Diagonale-Webnotizen.