Diagonale
Festival des österreichischen Films
13.–18. März 2018, Graz

Diagonale-Webnotiz 5/2011

von Judith Zdesar

 

lebt als Filmemacherin in Wien. Bei der Diagonale 2011 ist sie mit ihrem Dokumentarfilm Farben einer langen Nacht vertreten.

Ich habe die Dinge entdeckt.

Ich will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die Dinge singen hör ich so gern.
Ihr rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr bringt mir alle die Dinge um.

Peter sagt: Du musst locker lassen, weil etwas Bestimmtes kriegen zu wollen, ist eigentlich unfilmisch.

Es ist ein schwieriger Lernprozess. Loslassen: Das fällt schwer. Erfolg und Autoritäten hinterfragen, Regeln vergessen, das Gefühl vor die Ästhetik stellen, nicht auf ein Ziel hinarbeiten, sondern etwas im Prozess entstehen lassen, Beurteilungen wahrnehmen, ohne sie zu bewerten. Eigene Beurteilungen finden, die mir erlauben nicht für jemanden gut sein zu müssen, nicht nach dem zu suchen, was sie sehen wollen, sondern nach dem, was ich fühle und richtig finde. Dann müsste man nur noch den Spiegel dessen in den Dingen suchen, in den alltäglichen und den großen.

Lernen lernen. Bisher haben sich die eigentlichen Dinge zu oft hinter Illusionen und Ideen versteckt. Jetzt beginnt das eigentliche Sehen-Lernen. Filmemachen als Schauen, als sich Zurücknehmen. Die Dinge ansehen, sich in sie verlieben, sie einfangen, sie nicht einsperren, ihnen keine Geschichte aufdrücken, sie nicht vergewaltigen, ihnen nicht Aussagen und Interpretationen aufbürden, sie nicht in zu kleine Schablonen quetschen, sie nicht ersticken in meinen Eitelkeiten und sie vor Ideen und Effekten schützen.

Ich versuche zu schauen, zu hören, zu suchen, zu erleben. Mich loszulösen vom Gelernten, von dem, wie es sein muss, wie es sein soll. Vergessen lernen: alle Regeln und Ratschläge, alle Vorbilder und Ideale vergessen lernen und sich öffnen für alles. Sich lösen von dem, was andere erwarten, was ich selber erwarte, solange, bis ich ruhig werde. Filme machen heißt für mich Geduld lernen und vertrauen. Es ist alles schon da, man muss es nur noch finden. Das ist alles. Es klingt so einfach. Aber es ist ungewohnt und schwer. Es fühlt sich an wie neu geboren zu werden. Beängstigend, aber auch aufregend, frei. Plötzlich hat alles Bedeutung, alles eine Geschichte und ich werde unwichtig, stehe nur mehr hinter allem und bin allem gleichzeitig näher denn je.

Was in uns schläft, bleibt in den Dingen wach,
aus ihnen schau’n uns dunkle Augen nach.

Unter den wenigen kurzen Filmen und Filmversuchen, die ich bisher gemacht habe, waren viele „Ideen-Filme“. Filme, die von der Idee, vom Konzept (und vom eigenen Ego) ausgehen, in denen man versucht seine Überlegungen, die eigene Weltsicht oder Moralvorstellung zu vermitteln. Die starre Umsetzung dieser einen Idee zwängt alle lebenden Dinge, die es braucht um den Film entstehen zu lassen, in ein Korsett, beschneidet sie, formt sie um, biegt sie zurecht, bis sie meiner Sicht entsprechen. Dabei verlieren sie ihre Lebendigkeit und damit auch ihre Wirkung auf die Zuseher/innen. Was bleibt, ist ein – im besten Falle gut gemachtes – Handwerksstück, das nicht in die Seele des Zusehers oder der Zuseherin greifen kann, weil es tot bleiben muss. Weil es aus den unendlichen Möglichkeiten, die die Dinge bieten, nur eine einzige gewählt hat, und diese nur beschränkt.

Jetzt will ich zu den „Ding-Filmen“, die die Dinge und ihre Lebendigkeit benutzen und dabei darauf Bedacht sind, die Lebendigkeit dieser Dinge zu bewahren. Die Filme, die Dinge sprechen lassen, ihren Wegen folgen und das eigene Ego hintanstellen. Die Macherin als Schauende, die sammelt und entscheidet, was gesehen und gezeigt wird. Nicht die Idee ist wichtig, sondern der Blick auf die Welt und auf die Dinge. So wird eine Weltsicht, eine Haltung, ganz nebenbei und ganz automatisch in den Film verflochten. Der Zuseher bleibt aber einer offenen Welt gegenübergestellt, in der er den Dingen in alle Richtungen folgen kann.

Godard sagt: Ich habe zehn Jahre Kino gemacht, vorher, ohne Filme zu machen, aber es unentwegt versucht.

Zehn Jahre das Lernen lernen. Suchen, kämpfen, scheitern und ein bisschen finden. Ehrlich sein. Mich nicht mehr hinter Vergleichen verstecken. Kein Gutseinwollen. Eine Stimme finden, ganz unverkrampft, eine Stimme, die von sich aus unverwechselbar ist, die keinen Vergleich braucht, weil es gar keinen gibt.

Rilke sagt: Jedes Ding ist nur ein Raum, eine Möglichkeit, und an mir liegt es, diese vollkommen oder mangelhaft zu erfüllen.

Ich habe Angst, auch dieses Mal wieder, wie immer, habe ich Angst, dass alles nicht gut wird. Das richtige Gefühl ist da, ganz klar, aber sonst … Konzept. Vorstellungen. Dinge. Gefühle. Geschichten. Und überhaupt. Darf man das? Interessiert das jemanden? Was, wenn der ganze Film nichts wird?

Peter sagt: Es wird nicht gut oder schlecht. Es wird immer etwas.

Keine Wertungen mehr, also. Mut haben den Dingen zuzusehen und sie erzählen lassen. Wie in der Kaffeetasse in Godards Zwei oder drei Dinge, die ich von ihr weiß die ganze Welt liegt, liegt sie noch klarer und einfacher in jedem Blatt, in jedem Zweig, in jeder Augenbraue eines Menschen. Es gilt, die Dinge beim Filmen nicht zu zerstören. Es gilt, sie sorgfältig und behutsam weiterleben zu lassen, sie nicht zu toten Dingen zu machen, sondern ihnen im Filmbild eine Zukunft zu geben. Die lebendigen Dinge haben Angst vor dem Effekt, sie mögen das Schlichte. Die Dinge sind da. Die Dinge leben und erzählen alles. Sie brauchen keine Interpretation und keine künstliche Perfektion. Sie brauchen keine Idee. Sie brauchen die Offenheit, die es erlaubt, ihnen zuzuhören.

Ich sage: Ich habe die Dinge entdeckt und das ist schon sehr viel, für den Anfang.

 

löwe (c) Judith Zdesar

 

meer (c) Judith Zdesar

 

apfel (c) Judith Zdesar

 

 

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Die Diagonale-Webnotizen wurden von 2010 bis 2015 von der BAWAG P.S.K. unterstützt.

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