Diagonale
Festival des österreichischen Films
13.–18. März 2018, Graz

Diagonale-Webnotiz 3/2011

von Richard Wilhelmer

 

studiert seit 2006 an der Universität der Künste Berlin. Parallel dazu Summerschools des Central Saint Martins College in London sowie Regiestipendium an der CalArts in Los Angeles. Sein Spielfilm Adams Ende hat bei der Diagonale 2011 seine österreichische Erstaufführung.

Cineastische Dekoration und LSD

Vor einigen Tagen hatte ich ein sehr aufschlussreiches Gespräch mit Hartmut Bitomsky. Ausgangspunkt war die Weiterentwicklung der Geschichte zu einem nächsten Film. Die sozusagen „konstruktiv-ernüchternde“ Tatsache war, dass es zunächst wohl eher einer Rückentwicklung bedarf, um diese Geschichte von ihrem literarischen Beiwerk zu befreien. Als jemand, der schon mal ein Buch von Thomas Bernhard gelesen hat, ist es schmerzhaft festzustellen, seine eigene Erzählung unter mehr oder weniger überflüssigem Dekor aus den Augen verloren zu haben.

Die Geschichte selbst ist natürlich „Dekor“ genug. Mit welch nüchterner Brillanz so etwas im Film gelingen kann, habe ich selbst zum ersten Mal so richtig verstanden, als ich mehr oder weniger ahnungslos an Pasolini’s Teorema geriet. Das Beispiel funktioniert an dieser Stelle einfach deshalb so gut, weil es hier als filmische Übersetzung meines literarischen Dilemmas dient. Die Weglassung des Dekors und dekorativer Techniken. Unter Dekoration verstehe ich im folgenden Text also nicht unbedingt die Ausstattung oder das, was man im Bild sieht, sondern wie man es sieht – ob und welche Funktion es im entsprechenden Kontext übernimmt, oder ob es einfach nur als „überflüssige“ Verschönerung dient.

Dabei bieten Film und Video nur allzu viele Verführungen zur „Dekoration„. Dinge alleine schon technisch schön zu gestalten. Und so haben sich über die kurze Zeit, seit es diese vergleichsweise junge Kunstform überhaupt erst gibt, gewisse „cineastische Schönheitsideale“ ausgeprägt. Marlene Dietrich ist nur ein Beispiel dafür, wie obsessiv eine gewisse Art von Lichtsetzung, Kadrage und Tiefenschärfenverhältnis ein, nach außen hin hoch stilisiertes Bild entstehen lassen. Dramaturgische oder inhaltliche Zweckmäßigkeit steht natürlich im Hintergrund. Ganz zu Schweigen von einem gewissen Anspruch auf Realismus, der in diesem Kontext aber natürlich keineswegs zu erwarten sein darf. Als durchaus humoristische Versinnbildlichung dessen und ziemlich großartiges Beispiel aus der bildenden Kunst, könnte man vielleicht Andy Warhols Mario Banana betrachten. Ein Kurzfilm, in dem der New Yorker Transvestit Mario Montez beim Verzehr einer Banane gezeigt wird. Was übrig bleibt, ist ein gewisses Ideal. Ein visuelles Ideal, welches sich u.a. nicht unwesentlich auf dem Aspekt der Tiefenunschärfe begründet. Das war ja ein großes „Problem“ der Videokamera. Mit viel Mühe und großem Aufwand mussten Prothesen für Filmlinsen gebastelt werden, um sich diesem Schönheitsideal wieder anzunähern. Dabei haben doch diese flachen, bunten Videobilder eine fast aquarellartige Qualität, derer sich beispielsweise Lars von Trier so virtuos zu bedienen wusste.

Ein weiterer wesentlicher Nährboden mit viel Raum für Dekoration ist natürlich die Popmusik. In einem Zeitungsartikel der taz beschreibt Johann Aho die Situation, als John Lennon seinen Freund John Dunbar in seinem berühmten, bunt dekorierten Rolls Royce von zu Hause abholt, um ihm seine neueste musikalische Entdeckung am hinten eingebauten Plattenspieler vorzuspielen. Dunbar wurde erst kurz davor von seiner Noch-Ehefrau Marianne Faithfull für Rolling Stones Frontman Mick Jagger, verlassen. „Was machen wir heute? – Bleib ruhig, mein Freund“, antwortet Lennon und reicht die Tasse mit dem nicht ganz puren Tee herüber. „Nimm einen Schluck, warte einen Augenblick, dann werde ich dir etwas vorführen, was du noch nicht erlebt hast.“ Mit einem Mal klingt eine Orgel aus den Stereo-Lautsprechern …

„A Whiter Shade of Pale“ von Procol Harum. Worum genau es in diesem Lied im Einzelnen geht und was mit „Weißeren Schatten von Bleich“ gemeint sein könnte, darf sich jeder selbst überlegen. In den Anfangszeiten des Musikvideos, mit äußerst begrenzten Möglichkeiten, eine visuelle Lösung für diesen Titel zu finden, war allerdings eine andere Herausforderung. Was im Endeffekt dabei herauskam, ist ziemlich großartig. Sowieso hat LSD, als eine Art visuelle Dekorationsmaschine, eine ganze Generation erobert.

Da wir nun schon beim Thema Assoziation, Video und Musik angelangt sind, hier ein aktuelleres extremes Gegenbeispiel. Auch wenn ich mit dieser Band im Allgemeinen nicht so viel anzufangen weiß, finde ich das Video von Nicolas Mendez zum Lied „Invisible Light“ der Band Scissor Sisters eine überaus gelungene, sarkastische Quintessenz einer Ex-MTV-nunmehr-Vice-Magazin-Videokultur. Ein ausgeklügelter assoziativer Schnitt mit Kuleshov-Effekt, ausgefeilter Technik und visueller Extravaganz, wie es sich Procol Harum vielleicht gewünscht hätten. Wer weiß. Wenigstens Handwerk und Präzision sollte man zu schätzen wissen.

Der Kreis schließt sich an dieser Stelle mit dem 1973 entstandenen Kultfilm The Holy Mountain von Alejandro Jodorowsky und eben wesentlich auf den Weg gebracht von John Lennon und Yoko Ono. Einiges in der Bildsprache und Art der religiösen Metaphern im Video von Mendez lassen deutlich auf eine große Inspiration aus diesem Film schließen.

In all diesen Beispielen erfüllt das Dekor einen bestimmten Zweck, der sich in der Art des Bildes und seines Inhalts manifestiert. Durch die gegebenen technischen Möglichkeiten passiert es heutzutage leider oft, dass sich Filme mit einem gewissen cineastischen Dekor schmücken, der ihrem Kontext leider oft nicht entspricht. Ich bin deshalb ein großer Fan von Filmen, deren Schönheit vor allem ihrer Authentizität und erzählerischen Präzision entspringt. Eine Eigenschaft, die für mich so gegensätzliche Filme wie Maren Ades Der Wald vor lauter Bäumen und Michael Glawogger & Michael Ostrowskis Nacktschnecken verbindet und so sehenswert macht.

 

Siehe auch:
Adams Ende (R: Richard Wilhelmer)
Strange Love (R: Richard Wilhelmer)

 

Die im Text angesprochenen Filme/Videos sind – allerdings in schlechter Qualität – auf youtube zu finden, das Video Invisible Light von den Scissor Sisters (Regie Nicolas Mendez) auf vimeo.

 

Die Diagonale-Webnotizen wurden von 2010 bis 2015 von der BAWAG P.S.K. unterstützt.

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