Diagonale
Festival des österreichischen Films
28. März–2. April 2017, Graz

Diagonale-Webnotiz 8/2010

von Marvin Kren und Benjamin Hessler

 

Der Filmemacher Marvin Kren und der Drehbuchautor Benjamin Hessler sind bei der Diagonale 2010 mit dem Spielfilm Rammbock vertreten.

Geschwisterkinder des Grauens

Eine der ersten kindlichen Phantasien, an die ich mich erinnern kann, war bestimmt von diesem einen Bild: Ich komme aus meinem Kindergarten (Pfeilgasse, 1080 Wien) und am anderen Ende der Straße steigt ein Riese über die Dächer und kommt direkt auf mich zu. Jedes Mal, wenn ich nach Hause ging, habe ich mich mit der Vorstellung beschäftigt, wie ich meine Wurstsemmel wegwerfe und versuche mein Leben zu retten, während rings um mich herum Panik ausbricht. Warum bloß? Ein anderes Erinnerungsbild, das jetzt noch einen heiteren Schauer auslöst, ist H.C. Artmanns Fratze, in der sich die Freude widerspiegelt, mir – einem Siebenjährigen – mit unter das Gesicht gehaltener Kerze und frei erfundenen Gruselgeschichten Angst einzujagen. Alleine sein „Es war einmal …“ ließ mich schreiend um Gnade bitten und im gleichen Atemzug nach mehr fordern.

Die Liebe zu dieser rätselhaften Kombination aus Angst und Vergnügen ist eine Basis unseres künstlerischen Schaffens. Wir teilen die Begeisterung dafür, alleine im Zimmer über ein Buch gebeugt dazusitzen oder einen Film zu sehen – eine harmlosere Tätigkeit lässt sich an sich kaum denken – und plötzlich jedes Nackenhaar einzeln zu spüren, nur, weil man Wörter liest oder flimmernde Bilder anschaut. Ein körperlicher Zustand der Alarmbereitschaft, der Sprungbereitschaft, während man sich doch ganz offenbar nicht in der geringsten Gefahr befindet. Im Idealfall hat einen dieser verhinderte, Glückshormone ausschüttende Fluchtreflex so sehr im Griff, dass man sich im Kinositz windet, als wäre er glitschig, die Hände zwischen sich und der Leinwand in die Luft krallend, als wollte man aus pantomimischen Leibeskräften jemanden von sich wegdrücken. Hilflos kichernd vor Vergnügen. Und hinterher bereit, dem Schöpfer des gerade Erlebten auf Knien zu danken.

Zu unserem anhaltenden Erstaunen begegnet man immer wieder, wenn nicht mehrheitlich, Menschen, die diese Dankbarkeit aus dem einen oder anderen Grund niht teilen.

Obwohl die Konjunktur des Horrorfilms an der Kinokasse keine Anzeichen macht, demnächst abreißen zu wollen, ist sein Image in Deutschland wie in Österreich katastrophal. Der infantilen Begeisterung mit der wir verkündeten, Horrorfilme machen zu wollen, wurde häufig mit enttäuschtem Schweigen oder mit einem gehüstelten „Ach, nur Horror?“ begegnet. Für viele ist Horror nur ein Zurückbleiben hinter dem Möglichen, ein Zugeständnis an niedere Instinkte. Diese erste, manchmal heftige Ablehnung beruht oft auf einem Missverständnis, das durch den semantisch etwas ausgeleierten Genrebegriff „Horror“ zustande kommt. Man kann damit inzwischen alles vom deutschen Expressionismus über Alfred Hitchcock bis zu den jüngsten gewaltpornographischen Niederungen von Hostel oder Saw bezeichnen. Deshalb ist es auch niemandem zu verübeln, wenn er sich bei diesem Wort zunächst reflexartig die explodierenden Köpfe des Splatterfilms vorstellt.

Andere teilen beim Horrorfilm zwar die Empfindung der Angst, können sich aber beim besten Willen nicht vorstellen, worin dabei der Lustgewinn bestehen könnte – Angst will man im Leben doch wirklich nicht haben, warum dann im Kino? Auch hier besteht der Irrtum in einer unscharfen Definition: Angst ist ein Sammelbegriff für ein Gefühlsspektrum, das eine feinere sprachliche Skalierung mehr als verdient hätte. Die Angst vor der Stromrechnung ist etwas anderes als die vor den Folgen der Klimakatastrophe. Gemeinsam ist diesen Gefühlslagen nur, dass sie unangenehm sind. Allein für die lustvolle Ausprägung der Angst, von der hier die Rede ist, kennt die deutsche Sprache einen eigenen Begriff: GRUSEL. Ein schönes Wort, das auch lautlich genau das Wesen dieser seltsamen Empfindung abbildet. Grusel – der kleine Bruder des Grauens. Wir hoffen, nicht nur mit Rammbock dazu beitragen zu können, den schlechten Ruf dieses niedlichen, schrecklichen Kindes ein wenig zu verbessern.

 

Die Diagonale-Webnotizen wurden von 2010 bis 2015 von der BAWAG P.S.K. unterstützt.

Der Standard ist Medienpartner der Diagonale-Webnotizen.