Diagonale
Festival des österreichischen Films
28. März–2. April 2017, Graz

Diagonale-Webnotiz 5/2010

von Marie Kreutzer

 

ist Drehbuchautorin und Regisseurin. Sie ist auf der Diagonale 2010 mit ihrem neuen Kurzfilm INGRID vertreten.

Wild things! Ein paar Gedanken zu nicht volljährigen Filmfiguren

Leider, ich kann keine Filme über Teenager mehr sehen. Sogar, wenn Ellen Page sie spielt. Die große Ausnahme der letzten Jahre war Gus van Sants Paranoid Park, dessen jugendlichen Hauptdarsteller ich mir in der ersten Euphorie als 2×1-Filmplakat an die Wohnzimmerwand tapezieren wollte. In keinem anderen Film, den ich in derselben Viennale-Woche 2007 gesehen habe, hat mich ein Gesicht so berührt. Aber es ist die große Qualität von van Sants Film, dass er die Lebenswelt eines Teenagers nur als Ausgangspunkt für eine assoziativ und atmosphärisch reichhaltige Filmerzählung benutzt, deren Thema weit über die Alltagstroubles einer Lebensperiode des Übergangs hinausreicht.

Als Zuschauerin regiere ich schlecht gelaunt, wenn FilmprotagonistInnen, sei es in fiktionalen oder dokumentarischen Arbeiten, nur als Transporteure eines Themas eingesetzt sind. Es gibt nichts Wichtigeres in einem Film als die Menschen, von denen er erzählt. Dass Menschen widersprüchlich sind und auch fiktive Figuren nicht immer das tun, was die Richtung der Handlung von ihnen will, macht Filmemachen und –schauen erst interessant. Lebensphasen, in denen wir schon lange nicht mehr oder noch lange nicht sind, kennen wir nur oberflächlich und von außen, und selbst wenn die plakativsten Klischees über Jugendliche sich bei genauerer Recherche alle bestätigen und es unheimlich einfach wirkt, mit ihnen ein großes Publikum zum Lachen und Mitleiden zu bringen, fehlt vielen Coming of Age-Movies das banale Bewusstsein, dass auch Fünfzehnjährige Persönlichkeiten sind: „Jugendliche/r“ ist, genau wie „Kind“ oder „alter Mensch“, eben nur ein Label und keine Charakterbeschreibung.

Zwei meiner Lieblingsfilme des Jahres 2009, Das weiße Band von Michael Haneke und Where the Wild Things are von Spike Jonze, werden getragen von Hauptfiguren im Kindesalter. Beide Filme sind aus meiner Sicht außergewöhnlich in ihrer Haltung zu den jungen ProtagonistInnen, weil sie sich in keinem Moment mit der Etikettierung „Kind“ zufrieden geben und sich nicht wertend über ihre Figuren stellen. Während Haneke distanziert, ja fast ehrfürchtig auf die undurchschaubaren Kinder blickt, die seinen Film beherrschen, ist Spike Jonze so nah an seinem Protagonisten Max, dass ich mich als Zuschauerin augenblicklich und überwältigend in den emotionalen Zustand jenes Lebensalters zurückversetzt fühle. Und wenn der schwarzweiße Junge mit dem Vogelkäfig und Max im Wolfspelz mir die Tränen in die Augen treiben, dann nicht, weil sie so herzig sind, sondern weil es weh tut, wie sie in den großen Momenten dieser Filme geradezu furchtlos den älteren und mächtigeren Figuren gegenübertreten. Beide sind letztlich, wie die Filme zeigen, nicht bereit, ihre relative Machtlosigkeit zu akzeptieren. Es ist die Entscheidung, Kinder als ambivalente Figuren zu erzählen und in ihrer komplexen Menschlichkeit ernst zu nehmen, die beide Filme aus vielen filmischen Schilderungen kindlichen Lebensgefühls hervorhebt.

Und eigentlich bringt das auf den Punkt, was für mich gutes Erzählen, was ein guter Film ist: einer, der mit großer Genauigkeit auf seine Figuren blickt. Der ehrlich und ohne zu urteilen betrachtet, was wir zu kennen glauben, und sich dabei trotzdem die Freiheit nimmt, eine eigene filmische Wirklichkeit zu gestalten. Denn einen nicht weniger ernsthaften Weg, Kinder im Film darzustellen, ging Wes Anderson 2001 mit The Royal Tenenbaums: Mit der ihm eigenen artifiziellen Detailverliebtheit gelangen ihm die unglaublich plastischen Portraits der drei Geschwister Tenenbaum, Kinder, wie wir sie nicht kennen können, aber gern kennen würden. Wes Andersons Kinder sind so widersprüchlich und individuell, so farbenfroh und absurd wie alle von ihm geschaffenen Charaktere. Sie sind tragische Figuren, die im Alter von zehn Jahren stoischer und reflektierter wirken, als sie es als 30-Jährige sind. Denn die erwachsenen Tenenbaum-Kinder sind, wie es auch die Geschichte verlangt, nur verlängerte Schatten ihrer selbst. Sie tragen die gleichen Kleider und Frisuren, sperren sich trotzig im Badezimmer ein, um heimlich zu rauchen, und wollen doch nicht richtig weg aus ihrem Elternhaus. Bei aller Abstraktion und Überhöhung variiert die Schilderung der Gefühlswelten dieser ewig Pubertierenden den Kern des Coming of Age-Genres (Erwachsenwerden tut weh) – und das ganz unsentimental. Wes Anderson gibt gar nicht vor, Allgemeingültiges über Menschen erzählen zu wollen. Es passiert ihm manchmal trotzdem.

„Die Natur des Menschen achten, ohne sie greifbarer zu wollen, als sie ist.“ (Robert Bresson)

Manchmal, wenn ich schreibe und gar nicht weiter weiß, dann schlage ich wahllos ein Buch auf, wähle willkürlich einen Satz, lege das Buch wieder weg. Ich tue das in der Hoffnung auf einen Gedankenanstoß. Wenn Bresson in der Nähe liegt, hilft es meistens.

 

Die Diagonale-Webnotizen wurden von 2010 bis 2015 von der BAWAG P.S.K. unterstützt.

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