Diagonale
Festival des österreichischen Films
13.–18. März 2018, Graz

Diagonale-Webnotiz 3/2010

von Nikolaus Zeiner

 

ist Leiter des Diagonale-Gästebüros.

Meine Nachmittagshelden. Verbündete in Unterhosen

Als Kind der 1970er und 1980er Jahre wurde meine Liebe zum Film natürlich weniger durch Kinobesuche als durch das eifrige Verfolgen der Programme von FS1 und FS2 geprägt. In den Schulferien war das Fernsehprogramm besonders wunderbar. Denn da war früh nachmittags Johnny Weissmüller als Tarzan zu sehen – Tarzan in der Unterhose, wie wir in der Volksschule gerne sagten. An einem perfekten Tag lief zuerst Tarzan im Fernsehen und später, im Schwimmbad, war man selbst Tarzan in der Badehose, kletterte auf Bäume, war von den nicht sehr belastbaren Lianen im Wiener Wald enttäuscht, und überlegte sich beim Schwimmen, ob man wohl schnell genug kraulen konnte, um einem Krokodil zu entkommen. Natürlich konnte man.

Doch das Nachmittagsprogramm bot auch noch ganz andere Filmhelden, die mich noch viel nachhaltiger beeindrucken sollten. Zum Beispiel einen jungen Mann mit schwarzen Haaren und Bürstenschnitt, dem zwar fast alles, was er anpackte, misslang, dessen Tollpatschigkeit überall Chaos stiftete, auf welches er dann mit den aberwitzigsten Grimassen reagierte, der aber trotzdem alle Sympathien, vor allem auch meine, auf seiner Seite hatte und der am Ende sogar die Frau, in die er verliebt war, küssen und heiraten durfte.

Ich bezeichnete ihn als kleines Kind als den „dummen Mann“, obwohl ich eigentlich schon wusste, dass dieser Mann Jerry Lewis hieß, und obwohl ich ihn gar nicht dumm fand, ganz im Gegenteil: Ich ärgerte mich oft über die Erwachsenen, die zwar über seine Filme lachten, dieses Vergnügen aber gerne mit den Worten „so ein Blödsinn“ abtaten. Für mich war Jerry genauso ein Held wie Tarzan, und noch dazu ein Held, der gar nicht besonders stark oder mutig sein musste, sondern der schwach, dumm, kindisch, oder ungeschickt sein durfte und trotzdem glücklich sein. Im Grunde war er ein Kind in einem erwachsenen Körper, für mich also eine Art Verbündeter. Zu ihm gesellten sich bald weitere Verbündete: die beiden Freunde Stan & Ollie, der stumme Buster und der freche Charlie, mit denen mich Herbert Prikopa in seiner Fernsehsendung bekannt machte, oder auch der stets freundliche Danny Kaye in seinen technicolorbunten Filmen. Sie alle standen mir während meiner Kindheit zur Seite, und brachten mich nicht bloß zum Lachen, sondern gaben mir mindestens genauso viel Mut wie Tarzan oder Winnetou.

Seit jenen Kindertagen fasziniert mich der Umstand, dass die amerikanische Populärkultur neben dem klassisch heroischen Filmhelden und seiner Übersteigerung in der Figur des Superhelden auch so viele anti-heroische, komische Helden hervorgebracht hat. Helden, denen es gelingt, trotz ihrer Unzulänglichkeiten zu bestehen, um am Ende oft sogar zu triumphieren.

Mit ihrem Wesen fordern diese Widersacher der Realität ihr Recht ein, das Recht auf Fehler, auf Schwäche und auf die Möglichkeit des Scheiterns, und wenden sich gegen den unerbittlichen Zwang von Natur, Gesellschaft und Wirtschaft sich stets behaupten zu müssen. Die fiktive Welt der amerikanischen Filmkomödie, produziert damit einen Raum, in dem die utopische „Befriedung des Daseins“ verwirklicht erscheint, und verfolgt somit eine zivilisatorische Idee. Jene Qualitäten, die eine solche Befriedung ermöglichen würden, beschreibt Herbert Marcuse in „Der Eindimensionale Mensch“ wie folgt:

Qualitäten wie die Absage an alle Härte, Kumpanei und Brutalität; Ungehorsam gegenüber der Tyrannei der Mehrheit; das Eingeständnis von Angst und Schwäche (die vernünftigste Reaktion gegenüber dieser Gesellschaft!); eine empfindliche Intelligenz, die Ekel empfindet angesichts dessen, was verübt wird; der Einsatz für die schwächlichen und verhöhnten Aktionen des Protestes und der Weigerung.

Es sind diese Qualitäten, die sich in vielen der klassischen amerikanischen Filmkomödien widerspiegeln. Dafür, und weil sie mich zum Lachen bringen, liebe ich diese Filme noch genauso wie in meiner Kindheit, und halte sie für eine der bedeutendsten kulturellen Leistungen des 20. Jahrhunderts.

 

Die Diagonale-Webnotizen wurden von 2010 bis 2015 von der BAWAG P.S.K. unterstützt.

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