Diagonale
Festival des österreichischen Films
28. März–2. April 2017, Graz

Diagonale-Webnotiz 1/2010

von Bernhard Kammel

 

Der Russische Film

Obschon der Russische Film künstlerisch heute eine ähnliche Leitfunktion wie die Italienische Oper im 19. Jahrhundert haben müsste, sagen die meisten beim Drehen: „Action“ und nicht: «Начали» („Anfangen“). Es sind komplexe soziale, politische und künstlerische Zusammenhänge die im Ergebnis bewirken, dass sich kein anderes Kino so weit an den Ereignishorizont voran geschoben hat, wie das Russische. Und es ist die selbstverschuldete, radikale Ausrichtung nach dem Westen, die Europa daran hindert davon zu profitieren.

Eine der Kerneigenschaften des Russischen Kinos ist es, dass Geschichten von innen heraus erzählt werden und nicht aktionsorientiert oder imageorientiert. Russische Schauspielerinnen nähern sich einer Figur nicht typologisch oder mit gestischen Accessoires. Sie studieren akribisch das soziale Umfeld der Figuren, um induktiv ihre Seele zu erfassen. Dann werden unter Berücksichtigung der Objektive und der Einstellungsgrößen im Hinblick auf die gewünschte Zeichnung jene Facetten transparent gemacht, mit der auf der Leinwand die Geschichte erzählt werden soll. Geringfügige Bewegungen der Augen oder sparsame Mimik genügen, um komplexe, dynamische Seelenregungen abzubilden. Maria Solomina: In «Двое в новом доме» („Zwei im neuen Haus“) von Tofik Schachwerdiew, 1978, wo sie als Touristenführerin Nelja, durch ein Schaufenster einen (ihren) Mann auf der Straße sieht und er sich scheu in Entfernung auf ihre Fährte heftet. Immer wieder versucht sie schneller zu sein, ihn abzuhängen, als sie ihn plötzlich nicht mehr hinter sich sieht, zuerst triumphierend, dann gelangweilt und schließlich von Enttäuschung in Sorge fallend. Alles wird nur durch die Bewegungen ihres Kopfes und ihrer Augen dargestellt und für uns ist sie in diesen Augenblicken Nelja (gleichzeitig eines der seltenen Beispiele für eine sinnvolle Fahrt der Kamera auf einer Kreisbahn, um wie hier eine sich selbst im Kreise drehende, suchende Frau zu zeigen).

Eine andere Eigenschaft des Russischen Kinos ist es, dass es eine vielschichtige und gegensteuernde Dramaturgie nutzt: die gerade aufgebauten Spannungen werden immer wieder liegen gelassen und für später aufgehoben. Dadurch bleiben die Geschichten mit den Erfahrungen des Alltags decodierbar, in dem ebenfalls nicht alle Chancen umgesetzt werden (können), geheimnisvoller und die Verweigerung der Erwartungshaltung erzeugt einen stimulierenden „Suspense“.

Die induzierte Übertragung der Rollen auf die Schauspielerinnen, gemeinsam mit der antizyklischen Dramaturgie bewirken alleine schon einen Realismus des Russischen Filmes, der westliche Erneuerungsbewegungen wie den Neorealismus, New Hollywood, Autorenfilm, Arthouse oder Dogma außen vor lässt.

Wie Karen Schachnazarow, Regisseur und Direktor von Mosfilm, sagt, war der Beginn der Peristrojka eine besondere Zeit im Russischen Film: Die Zensur war weggefallen und die noch immer vorhandene Pace der Filmindustrie ermöglichte die Realisierung von Projekten, die so weder vorher noch nachher möglich waren. Die Krise der Umbruchszeit selbst hat viele Filmschaffende in den Ruin gebracht. Mit dem Einzug von ausschließlich marktwirtschaftlichen Produktionsbedingungen auch in Russland muss mit Korrekturen gerechnet werden. Allerdings ist auch das russische Publikum eine komplexere Filmsprache gewöhnt und wird daher hoffentlich auch weiterhin vielschichtige Filme nachfragen.

 

Bernhard Kammels Film „Die Tochter“, der bei der Diagonale 2008 gezeigt wurde, hat am 29. September 2009 Premiere in einer neu geschnittenen Fassung.

Die Diagonale-Webnotizen wurden von 2010 bis 2015 von der BAWAG P.S.K. unterstützt.

Der Standard ist Medienpartner der Diagonale-Webnotizen.