Diagonale
Festival des österreichischen Films
28. März–2. April 2017, Graz

Diagonale-Webnotiz 4/2009

von Martin Bruch und Reinhilde Condin

 

Arbeit & Leben in zehnjähriger Gemeinschaft in Wien.

Martin Bruch/Reinhilde Condin: „Film ist“

Film ist: Kader aneinandergereiht, z.B. 25 Bilder pro Sekunde.

Jeder Mensch sieht anders, das Leben ist eine „Subjektive“.

Ich fotografiere subjektiv und seriell:

Fotos in Serie= Fotos in Bewegung= Film aus Fotos= Fotofilm= bewegte Bilder.

Sie werden so zur Fotofilmdokumentation oder Filmfotodokumentation.

366 Sturzbilder, „Bruchlandungen“, Momentaufnahmen nach dem Sturz
1089 „KofferRäume“, Momente im Verkehrsfluss, Begegnungen
6000 Zugfenster, im Rollstuhl sitzend aus dem fahrenden Zug, „Zugfensterserie“
Dazwischen rund 150.000 Handbikekader, „handbikemovie“
7007 Fensterbilder, im Rollstuhl sitzend aus dem Küchenfenster, „fenster / drei sätze“
ca. 9000 Kader, „home,movie“, im Rollstuhl durch die Wohnung, ein Projekt.

Die Kamera / der Fotoapparat, umgehängt, sitzend im Rollstuhl, fahrend im Handbike, ersetzt den Notizblock, Zeichenblock, das Notebook.

Die Kamera wird dokumentarisch eingesetzt, zum notieren von Augenblicken, oftmals schräg, da ich die Kamera nicht mehr richtig halten kann.

Die Umstände ergeben eine ungewollte, auch spannende Perspektive mit aktionistischem und kommunikativem Charakter, da ich als Stürzender mit Helfern / Passanten in Interaktion trete, auch als Fotografierender von offenen Kofferräumen, die zum öffentlichen Raum werden, ablichte, oder auch meine Routen dokumentarisch festhalte.

Mein Leben ist zwar selbstbestimmt, kann aber nur mit Hilfe von Assistenz ablaufen, von morgens bis abends, rund um die Uhr, von der Zahnpflege zur Toilette, der Bekochung, der Vorbereitung zum Ausgang, Begleitung bei diesem, der Filmarbeit, von der Aufnahme bis zum Einspielen für den Schnitt, ein Projekt für sich.

Mein Werdegang, vom Geher zum Radfahrer, Gopedfahrer, Rollerfahrer, Rollstuhlfahrer, Handbikefahrer, seit fünf Jahren zum Standradfahrer in der Wohnung, veränderte auch meinen Blickwinkel bzw. die Perspektive.

Ich fahre / bewege / kurble das Handbike in eine Rolle/Ständer geschnallt.

Das Fahrzeug ist zum Hometrainer mutiert.

Ich reise kurbelnd am Stand vor dem Bildschirm, um die Welt, konsumiere / erlebe Dokumentationen, virtuell, da anders beschwerlich bis fast unmöglich.

Eine Reise vollzieht sich sowohl im Raum wie in der Zeit und in der sozialen Hierarchie.
(Claude Levi-Strauss „Traurige Tropen“ 1955)

Die Lust, die „eigenen“ Reiseeindrücke während des Kurbelns zu betrachten, bestimmt meine nächste Arbeit.

 

Serie „Bruchlandungen“ 1997-2001 © Martin Bruch

 

Serie „KofferRäume“ 2003 © Martin Bruch

 

Experimentaldokumentation „handbikemovie“ 2003 © Martin Bruch

 

Kurzfilm „fenster/drei sätze“ 2006 © Martin Bruch

 

Diagramm der Tageskilometer im Standfahrrad © Martin Bruch

 

Kurzfilm „home.movie“ 2008 © Martin Bruch

 

lights © Martin Bruch

 

Serie Standrad © Martin Bruch

 

Serie Zugfenster 2004-2009 © Martin Bruch

 

Alle Bildrechte liegen beim Künstler. Wir bitten zu beachten: Keines dieser Bilder darf an anderer Stelle verwendet werden.

 

 

Die Diagonale-Webnotizen wurden von 2010 bis 2015 von der BAWAG P.S.K. unterstützt.

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